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Wenn ein Ruderer zu einer Beerdigung von weither, nämlich Zürich, anreist, dann nutzt er das Wochenende, um mit seiner Schwester, nämlich mir, mal wieder rudern zu gehen. Ist es beruhigend oder beunruhigend, dass sich am Bootshaus nichts geändert hat mit den Jahren? Die Dagebliebenen freuen sich am Dagebliebensein und stellen sich den seltenen Besuchern (zuletzt vor sechs Jahren) mit Namen vor. Harhar.
Auf den fünfeinhalb Kilometern stromauf bildet sich eine wunderschöne Blase an meiner Hand, die schon beim Stromabfahren aufplatzt. The Sopranos brauchen sich nicht zu schämen: Da rudern andere Jahr für Jahr Woche für Woche und können es immer noch nicht so gut wie wir. In der logischen Sekunde, in der ein Ruderer das Wachstum beendet, wird die dann vorhandene Rudertechnik im Rückenmark abgelegt. Dann ist es nur noch über das Bewusstsein möglich, etwas hinzuzulernen. Und das Bewusstsein ist im vor-zurück-vor-zurück, dem Plätschern und Plaudern, sehr schwer zu aktivieren.
Ist es Beständigkeit oder Erstarrung, wenn die selben Menschen die selben Sätze sprechen wie vor zwanzig Jahren? Es rudert aber keiner mehr in seiner langen Bundeswehr-Unterhose. Die Globetrotterisierung schreitet fort.
Ach, herrlich war es.
Bis bald mal wieder, Ihr beharrlichen Helden des großen Stroms, so in fünf, sechs Jahren.
ist das Bloggen hier in der vorigen Woche. Und ich bin es auch.
Das Alpenwildwasser floß ohne uns Richtung Mittelmeer, dieses Mal. Aus Gründen musste ich im Rheinland bleiben. Dank ergiebiger Regenfälle Ende September stand nicht nur den Eiflern sondern auch ihren Flüssen das Wasser bis zum Hals. Noch ein, zwei Tage abfließen lassen. So bepaddelten wir erst die Ahr und dann die Kyll, sowie in zwei Etappen eifelfern die Sieg. Oder Siech, wie es hier heißt. Die wilde Ortsdurchfahrt von Monschau sahen wir uns nur vom Ufer aus an. Rur heißt der Fluß dort. RUR. Der ausm dritten Fernsehen mit dem Oldtimer war gerade da und ließ sich filmen, als wir mit den Töchtern im Straßencafé saßen. Wunderschönes NRW oder Zauberhaftes Rheinland oder Heimat, die ich meine oder wie die Sendung heißt. Was für eine öde Angelegenheit dieses Gefilmtwerden doch ist. Herumstehen. "Jetzt mal da lang gehen, danke." Gehen. Rumstehen. "Jetzt nochmal über die Brücke." Rumstehen. "Und noch einmal über die Brücke."
Monschau ist ein schlimmer Touristenpuff, aber das natürlich zu Recht. Wasser war schon weg, als wir da waren, aber das Wehr mit dem schönen Namen "Favoritentöter" beeindruckte uns schon. Schön weiter üben, dann fahren wir da auch mal runter.
In Gerolstein am Sprudelwerk legten wir ab. Enten und Fliegenfischer sprachen mit uns. Ein schönes Flüsschen und gut, mal ein paar dieser gefährlichen Wehre herunterzufahren, die wir sonst immer umgetragen haben. Das höchste gefährlichste mit der Walze im Unterwasser, also, das war vielleicht hoch, mannomann, jedenfalls überhaupt kein Problem, da runterzufahren, total isi. Ich fuhr vor, und war wirklich isi, also viel isiger als gedacht.
Jetzt ist, wo Strömung ist, auch wiederum Nichtströmung. Diese Nichtströmung heißt Kehrwasser und verhält sich je nach Unterschied wie Betonwand zu Autobahnfahren. Ich in meinem Boot jetzt Auto, Wehrströmung Autobahn, Kehrwasser Betonwand. Freu ich mich, dass es so schön strömt, ab ins Kehrwasser, um auf F. zu warten, aber Betonwand unterschätzt und platsch fall ich um. Der Gedanke, dass ich ja streng genommen die Inuitierung beherrsche, kam mir nicht. Ich aber immerhin ganz cool die Spritzdecke aufgemacht und unter Wasser ausgestiegen. Seltsamerweise stand ich dann bis zum Bauch im Wasser, Paddel in der einen, Boot in der anderen Hand und musste ob meiner Lächerlichkeit so lachen, dass mir - obacht - die Lachtränen die Beine hinunterliefen. Nein, das waren doch keine Lachtränen, dazu war das Wasser entschieden zu kalt (13°C).
Der F. machte ich eine große Freude, sie ist nämlich früher immer ins Wasser gefallen, bis ich dann damit anfing. Und hoffentlich direkt wieder aufhörte. Sie wunderte sich auch nur ein bisschen, als ich ihr von unten nach oben winkte, das sei alles kein Proble-he-m, völlig ungefährlich, einfach fahren.
Gestern das Wildwasserboot in ein verwandtes Kellerschwimmbecken (acht mal vier Meter) geschafft, zwecks Inuitiertraining. Umfallen ist ganz leicht, aber wenn man mit dem Kopf zuunterst im Wasser hängt, sieht die Welt so anders aus. Ich kann die Theorie von "Kopf oben" einfach nicht auf "Kopf unten" umrechnen. Dafür kann ich jetzt ohne Hektik die Spritzdecke öffnen und nach unten aussteigen.
Mein Bruder hat vor 25 Jahren in Berlin einen Wildwasserkurs mitgemacht. Wer die Gewässer Berlins kennt, ahnt vielleicht, dass er nie ein Wildwasser unter Arsch und Polyethylen hatte. Dafür kann er immer noch die Eskimorolle. Werde diese Woche noch ein bisschen üben, wenn ich zu Schwimmbrille und Nasenklammer noch Ohrstöpsel besorgt habe. Meine Höhlen (Stirn? Neben?) fühlen sich immer noch durchspült an.
Draußen "auf dem Bach" werde ich aber bei der bewährten Strategie bleiben: Einfach nicht kentern. Wenn ich nicht wasserscheu wäre, bräuchte ich kein Boot.
Erwachte ich letzten Donnerstag von einem Erdbeben? War das am Donnerstag? Heute ist meine übliche Kindergarten-Bürostrecke umgeleitet, die Rheinuferstraße steht unter Wasser. Wahrscheinlich übertrieben und noch befahrbar. Per Auto, meine ich. Die Unwetterwarnung verspricht "ergiebige Regenfälle", was soll das für ein Unwetter sein, kein Blitzdonner, kein Schneeeis, kein Hagelsturm. Unwetter halt. Das Hochwasser kommt aus der Schweiz, gut, dass wir nicht jetzt auf Kajakkurs in Versam sind. Sie sitzt in der Alpenhütte und wartet auf besseres Wetter. Ich sitze zu Hause und warte auf sie. Wenn sie kommt, suchen wir Gewässer, die es vor dem großen Regen noch gar nicht gab. Wir wollen sie erstbeschreiben und ihnen Namen geben. Blumengießbach. Ritterstrom. Pferdedecksteiner Weiher.
Obwohl ich nur über einen süßen kleinen Arsch verfüge, bin ich sportlich vom Typ Sitzer. Rudern, Radfahren, Paddeln, damit komme ich klar, als Ausgleichssport dann Internet und spätes Frühstück. Skilaufen kann ich natürlich nicht. Macht aber nichts.Ich hab ja jetzt ein Kajak.
Nun ist das Wildwasserboot gekauft, ein rotes "Cerro" von Eskimo, älteres Modell. Sehr guter Preis, und dann nochmal draufgelegt für Paddel, Spritzdecke und so allerlei.
Dass hier keiner liest, muss mich nicht wundern, wenn ich nichts schreibe. Nicht einmal für den ausgefallenen Tatort habe ich mich entschuldigt, nachgeholt:
War mit Eva Mattes, das guck ich mir nicht mehr an, mögen alle Bodensee-Tatorte den Rheinfall hinuntergespült werden. Dort, im Rheinfall, sollte übrigens immer noch das gelbe Kajak hängen, das bei einer Rheinfall-Bepaddelung vor ein paar Monaten dort hängengeblieben ist. Der Fahrer hat sich irgendwie rausgewühlt. Übrigens ist es verboten, den Rheinfall mit Booten zu loten. Schlimme Alberei. Don't try this at home, aber wer hat schon einen Rheinfall zu Hause außer der Schweizerischen Industriegesellschaft? Dazu empfehle ich den kleinen Film: "Neues aus der Rheinschifffahrt" von der Seite http://www.bondle.de - kein großes Kino, aber nachdem ich mir diese Filme vorm Einschlafen angesehen hatte, war ich die ganze Nacht von weißem Wasser umgeben und erwachte erfrischt. Vielleicht regnete es aber auch nur durchs Oberlicht ins Bett.
Das Herumtreiben auf Wildwasserspinnerseiten hat einerseits getriggert. Das ist leicht. Sagte doch auch die Mongoliere von Anderswo nebenan, so ein See würde ihr schon beim zweiten, dritten Mal nicht mehr reichen. Da ließ sie gerade erstmals ihr Becken auf dem Bassin de Lampy spazieren gehen. Vollendet! Andererseits bin ich unlustig, eines Tages den Ertrinkungstod zu sterben. Ich stelle mir kopfunter irgendwo festhängen und sehnsüchtig auf den Tod warten sehr unbequem vor. Über Wildwasser drei werde ich also nicht hinauskommen. Zu wasserscheu.
Das Befahren einer Stromschnelle weckt das Verlangen nach einer zweiten und dritten. Nach der fünften muss es dann eine längere sein. Dann eine tiefere. Dann eine schnellere. Dann ein kleines Wehr. Nach dem ersten kleinen Wehr noch ein kleines Wehr. Dann ein bisschen Hochwasser. Ein größeres Wehr. Ein kleiner Wasserfall.
Wir werden erstmal einen weiteren Kurs machen. Dort werden wir lernen, dass der Wurfsack immer im falschen Boot ist und deshalb in jedem Boot einer sein sollte. Ist nicht schlimm, wir haben ja wieder zwei. Zur Zeit ist einer anderswo und einer in Bonn, aber das geht den Booten ja genauso, und bald führen wir alles wieder zusammen und schauen uns mal Sieg, Agger, Rur und Ahr an. Man bekommt ein anderes Verhältnis zu Regen, denn Regen heißt: Wasser im Bach, und nass wird man sowieso.
Und wenn Sie das hier ein wenig langweilt: Demnächst gebe ich mir wieder mehr Mühe. Jetzt halte ich mich nur von der Arbeit ab.
So ging es da zu. Wir haben uns das eine Weile mit Phantomschmerz angesehen und die Stelle lieber über die Sandbank umgetragen. Irgendwelche Holländer haben gefilmt:
Inzwischen hat auch sie diesen Blick von den Brücken: Fahrbar oder nicht fahrbar? In Frankreich sind auch Schweinetröge mit Gewässernamenschildern versehen. "Was überfahren wir denn heute alles?" fragte ich vor der Rückfahrt, "Igel, Omas, Katzen", erhielt ich zur Antwort, und dann waren es (die wichtigsten, faba):
Loire, Cher, Canal de Berry, Creuse, Lot, Dordogne, Aveyron, Tarn. Jeder, auch die vielen kleinen dazwischen, wurde von der jeweiligen Beifahrerin in der wunderbaren Veröffentlichungen "700 Rivières des France" nachgeschlagen. Wildwasser III werden wir uns noch erpaddeln bis zum nächsten Sommer.
Was man noch überfahren kann:
Aufs Geschriebenwerden lauern noch die Fortsetzungen I und II zum Thema "der Wurfsack ist immer im falschen Boot", Tag 3 zu "Paddeln lernen mit Moshe, Bibi und Tina" und natürlich die noch lauwarme Berichterstattung zu unseren traumhaften Tagen auf dem Allier. Gewitter, stundenlange Wolkenbrüche, Havarie, Dornengestrüpp (wenn wenigstens die Brombeeren reif gewesen wären), Niedrigwasser und zehn Minuten später Hochwasser ("Inondation brutale") und andere überwundene Lebensgefahren: So und sowieso geht Glück.