Holde Voegellieder
"Weihrauch sparet nicht noch Myrrhe"*, so ohrwürmt es unablässig in meinem Kopf, dabei sitze ich zum Singen bereit: Doppelchörige Rheinberger-Messe, für die wir im "Hohen Dom zu Köln" zu schwach besetzt sind. Man sollte es für erhebend halten, das Singen im Dom, aber es ist ein Tort. Wie kriegen sie nur diese viele kalte Luft in das voluminöse Gebäude? Von draußen sicher nicht, sonst wäre es draußen wärmer. Und drinnen auch. Der ukrainische Mädchenchor ist in Tracht gekommen, mit Kniestrümpfen. Darüber Anoraks und Fellstiefelchen. Auch in Kiew wird es im Winter kalt sein. "Sind das die Maxim-Biller-Treter?" fragt mich der Bariton und zeigt auf meine neuen Stiefel. Ja, das sind sie, aber noch vor der Kommunion ist die Kälte durch die Felleinlagen in meine Füße gedrungen. Das Singen selber: Akustik mangelhaft, kein Nachhall, kein Vermischen, jeder singt allein. Dazu das enorme Grundgeräusch des Domes, zu dem sich alle Geräusche von außen (Weihnachtsmarkt, Hauptbahnhof, Domplatte) vermischen. Uns ist ein Liturgieberater zugewiesen worden, der uns Zeichen gibt, wann aufstehen, wann hinsetzen, wann Glaubensbekenntnis vorbeten.
Im abschließenden Hirtenwort wird die Absicht erklärt, die Mission in Südamerika den Indios nun wieder mit "Fantasie und Engagement" beizubringen. Bis dahin hatte sich die katholische Kirche von ihrer harmlosen Seite gezeigt. Gegen "Macht hoch die Tür" lässt sich nun wirklich nichts sagen.
*Bitte raten Sie das Originallied in die Kommentare!
sopran - Mi, 19. Dez, 15:50
"Magnificat" - Adventskonzert des Bonner Kammerchors
Samstag, 1.12.2007
12 Uhr Kirche Sankt Remigius, Brüdergasse, Bonn-Innenstadt
20 Uhr Pfarrkirche Sankt Maria Magdalene, Magdalenenstraße, Bonn-Endenich
(Mittags Eintritt frei, dafür nicht das ganze Programm, abends 10/7 Euro)
Sonntag, 2.12.2007
15 Uhr Abtei Marienstatt bei Hachenburg, Westerwald (25/20 Euro)
Bonner Kammerchor
Leitung Philipp Ahmann
Düsseldorfer Posaunenquartett
Michael Otto, Orgel
Werke von
Andreas Hammerschmidt (nicht Samstag um 12), Heinrich Schütz, Thomas Adès (nicht Samstag um 12), Felix Mendelssohn-Bartholdy, Igor Strawinsky, Arvo Pärt und Dietrich Buxtehude.
sopran - Fr, 30. Nov, 15:54
Auf der stockigen Anfahrt (Unfall A 1, zu viele Autos A 43) hatte ich ein kleines Gesumm, das lautete: "Herne wird ja unterschätzt, Herne, Herne, so hübsche Eckchen, hat doch, denkt doch keiner, dieses Ruhrgebiet." Das Gesumm erstarb aber, als ich bei Dämmerung und Regen in Herne Mitte einfuhr. "Kulturzentrum" heißt der Backsteinklops, mit Stadtbücherei, Kaschemme und Volkshochschule. Ein herrlicher Ort für die weltberühmten
Tage alter Musik in Herne, die der WDR da immer veranstaltet. Eines der weltweit bedeutendsten Festivals für alte Musik. Da denke ich an romanische Kirchlein. Stattdessen: Knallharte braunbeige Stadthallenrealität. NATUR NATUR ICH WILL BETON PUR.
In der hässlichen Garderobe schüttelte der französische Naturtrompeter den Kopf über Herne, ein sehr französisches Kopfschütteln der Art, "c'est bizarre, n'est-ce pas?" Èrne, er habe einen Kollegen in Ravensburg, der habe mal Urlaub gemacht mit seiner Familie in diese Rührgebiet. C'est bizarre. Impeccable sein Trompetenspiel. Naturtrompeten! Gebogene Frischwasserrohre mit Bindfaden zusammengefügt. So viele unterschiedliche Töne ohne Ventile.
Ebenfalls aus dem Sanitärhandel das Objektiv des Konzertfotografen, das bestand aus einem Stück Abflussrohr. Großformatkamera, er drehte immer an diesem Abflussrohr, ich dachte an die Lochkamera aus Pappe, die ich mal gebastelt hatte. In dem Abflussrohr war was drin, und das Rohr diente der Schalldämpfung. Ahso.
Konzert wird im Radio gesendet am 17. November. Schade, dass im Radio die Solosopranistin nicht zu sehen ist. Dann halt
hier. Wir sind nicht der "Chor Arte del Mondo", den gibt es gar nicht. Sopran singt im
Bonner Kammerchor.
sopran - Fr, 9. Nov, 15:13
Derartiges steht an der Wand der "Kulisse", der Schänke am Erholungshaus in Leverkusen. All die wackeren Werktätigen, die seit dem Morgengrauen Acetylsalicylpülverchen in von Fremdarbeitern im Keller geklebte Papiertütchen gefüllt, Erlenmeierkolben abgekühlt und Reagenzgläser gespült haben, holen nach getaner Schicht ihre Tuben, Fideln und Tröten aus dem Spind, hängen die grauen Kittel hinein und radeln zum Erholungshaus. Auf Fahrrädern mit zwei Querstangen, denn die dürfen das Werksgelände verlassen. Und dann: Probe des Bayerorchesters.
Und wir dabei.
Konzerttipp:
Freitag, 14. September, 20 Uhr, Altenberger Dom. Schubert Achte, Biblische Lieder von Dvorak, Gloria von Poulenc (mit Solosopran, Chor und Sopran-that's-me in der Herde).
sopran - Di, 11. Sep, 00:03
Jeden zweiten Dienstag und einmal im Monat den ganzen Sonntag ist Chorprobe. Wir singen zu achtzehnt zehnstimmig, und es sind ja auch nicht immer alle da. Anfangs waren es vingt, aber zwei haben schon gekniffen. Marie-Odile, die mit mir den ersten Sopran teilt, war gestern mal wieder nicht da. "Mal wieder" ist total ungerecht, sie ist ja immer da, wenn ich "mal wieder" nicht da bin. Heißt dann: Immer allein anfangen, mich wacker in Marie-Odiles soli stürzen, Lorbeeren gibt es keine, nur zum Lesen komme ich nicht.
Am Sonntag war Marie-Odile da, da schaffte ich zwei Drittel von "Herbstjagd", dem neuen Thriller des Kollegen Wolfgang Kaes. Kollege auch übertrieben, der Mann ist bei der Zeitung Ressorleiter, bei der ich mal Lohnschreiberin war. Überbeansprucht dieses Stalking-Thema etwas. Achtung AUSSAGE. Sonst aber prima. Psychopathenkrimi halt.
Gestern Antje Ravic Strubel, "Kältere Schichten der Luft" angefangen. Aber wie gesagt, zu nix gekommen. Heute kam das Töchterflugzeug eineinhalb Stunden zu spät. Kanucamp in Schweden, das ist schon mal gut. Lesbische Hauptfigur aus Halberstadt, auch schon mal gut. Nicht gut: Die "Gore-Tex-Sandalen" auf Seite 9. Es gibt keine Gore-Tex-Sandalen. Und wenn es sie gäbe, würden diese Kanuleute sie sich nicht andrehen lassen. Obwohl: Die Firma Jack Wolfskin würde wahrscheinlich sogar Gore-Tex-Sandalen unters Volk bringen. Wofür soll "wasserdicht und atmungsaktiv" bei Sandalen gut sein? Eben. Haben ja sowieso Löcher. Und Löcher lassen immer noch mehr Luft durch als GoreTex.
sopran - Mi, 16. Mai, 17:35
Die flotte zehnstimmige Fuge aus dem Scarlatti kann man auch mal zweieinhalb Stunden lang üben. Aus geheimen probentechnischen Gründen in einem grässlichen Staccato. Nein, eigentlich nicht. Marie-Odile et moi beherrschen unsere Stimme bereits impeccable. Marie-Odile weiß Bescheid und legt schon beim Einsingen ihren Sherlock Holmes bereit. Ich habe nicht daran gedacht, was zu lesen einzpacken und muss nun weglesen, was ich finde. Den Unicef-Weihnachtskarten-Katalog vom Tisch neben mir, alle Kassenbons in meinem Portemonnaie, das kleine Gipfelbuch, die Vokabeln in meinem privaten Französischbuch, mein neuer Führerschein - alles schnell aufgebraucht.
Hätte ich doch nicht die Staubsaugerbeutelpackung im Auto gelassen!
sopran - Mi, 14. Mrz, 08:51
"Sopran, comment prononce-t-on en allemand: Sohn ou ßøn?" fragt mich ein Tenor beim Abendessen. Er hat eine Wette laufen. Französisches Nonnentagungshausessen ist übrigens nicht besser als deutsches Nonnentagungshausessen. Nur französischer. Der Tenor hat mal mit einem Österreicher Bach gesungen. Sein Nachbar bestreitet nun, dass die dort vermittelte Aussprache richtig ist.
"Un Autrichien."
"Un autre chien?"
"Un autruche ou chien?"
Diese Art von Humor verstehe ich.
Es wird: Am Nachmittag habe ich in dürftigem Französisch erklärt, warum es "Trotz dem alten Drachen heißt" aber "Trotz des Todes Rachen". Der Chœur hatte das schon in den Noten verschlechtert. Eine auch in deutschen Chören noch gerne geführte Diskussion. Trotz c'est imperatif, une forme d'un verb. Heißt das hier auch Dativ und Genitiv? Et "Rachen", qu'est-ce que c'est? "Gorge" fällt mir ein, stolz! Über die Bedeutung von "verstummen" existiert ein Irrtum. Der Chorleiter hält das für sowas wie "toben" und lehnt das notierte Piano zunächst ab. "Et comment tratuit-on brummen?" Äh, comme le bass fait? Mh. Hilflos. Ich suche Rat per SMS. Antwort: "Versuche es mit ronronner, aber lege die Stirn dazu in böse Falten." Ich frage zurück: "Lachen mich dann alle aus?" Antwort: "ALLE vielleicht nicht..." Ronronner heißt Schnurren.
Inzwischen weiß ich: ronchoner heißt murren, das trifft es vielleicht am besten. Ponds sei Dank.
(Übrigens stand bis ins 18. Jahrhundert hinein "trotz" sowieso meist mit dem Dativ, nicht mit dem Genitiv, siehe auch
hier. Ich finde das einleuchtend, schließlich trotzt man jemandem oder etwas. Trotz ist eine meiner leichtesten Übungen, deshalb bin ich selber damals beim Dativ geblieben. Oh Gott, ich zwiebelfische. Dann lieber: Ich Eike-Christian-Hirsche.)
sopran - Mo, 5. Mrz, 10:36
Gelernt:
Niemals pünktlich kommen, sonst hagelt es Bises. Rechts links, nur zwei, das immerhin, aber von 20 Personen? bises und bises einmal-durch-den-Chor verhält sich wie schlichtes Händeschütteln zu Friedensgruß-in-der-Kirche. Und ich war nichtmal pünktlich. Zehn Minuten nach dem angekündigten Probenbeginn um halb neun traf ich bereits zwei Chormitglieder an, den Iren und den Belgier. Sie standen neben einem leeren Pizzakarton und einer halbvollen Flasche Rotwein, hinterlassen von früher angereisten Chormitgliedern, die sich aber bis gegen neun noch ein wenig frisch machten oder wasauchimmer.
Der typische französische Chorscherz hat mit all diesen phonetischen Teekesselchen zu tun, von denen ich immer dachte, dass Franzosen sie anders als ich problemlos unterscheiden können. Ich habe schon alle wieder vergessen, außer, dass aus dem lateinisch-französisch ausgesprochenen "secundum" von den hier wie dort immer zu einem Scherz aufgelegten Tenor ses condoms gemacht wurde. Riesig. Es gab bestimmt auch bessere Scherze, aber die habe ich nicht verstanden.
Ich kann hier überhaupt keine Scherze machen, das ist auch ungewohnt, denn die heimischen entspringen entweder einer gemeinsamen kulturellen Entwicklung ("Votre chien ne peut pas parler" - Loriot) oder einer gemeinsamen chorischen Sozialisation, in der noch einigen Überlebenden völlig klar ist, dass ein lebendiger Hund besser ist als ein toter Löwe.
sopran - Fr, 2. Mrz, 23:26
Ich habe eine Schwangerschaftsvertretung in einem anderswoischen Chor angenommen und mich gestern zum ersten Mal in die Probe getraut. Wie es hier im Süden so üblich ist, heißt 20.30 Uhr Probenbeginn natürlich nicht, dass die Probe um 20.30 Uhr beginnt. Ab halb neun stehen nach und nach die ersten Freaks vor der Tür. Ein Ire, ein Belgier, ein Pfälzer, eine Amerikanerin, eine Chinesin, ich. Ein paar von ihnen sprechen drolliges Deutsch, andere ein Französisch, das meinem drolligen Französisch nur noch entfernt ähnelt. Daraus schließe ich, dass sie schon länger hier sind.
Gegen neun ist ein passender Raum gefunden, Stühle aufgebaut, ein E-Piano angefeuert, der Chorleiter da. Man kann beginnen: Mit Bises für Alte und Neue, Genesene Zurückgekehrte, frischegebackene Ex-Schwangere, ein wenig Konversation. Ich stelle mich kurz vor, Sopran, ah oui, elle remplace Marie-Sowieso. Man benutzt Notenständer, um den Krimi abzulegen.
Und schon sitzt man zum Einsingen bereit. Aufgestanden wird erst nach der Probe wieder.
Französisches Latein wird gesungen, das finden sogar die Franzosen drollig. Cum heißt cöm. Ich habe schon bald einen ersten Klugscheißer-Auftritt, "Weg" aus "Du bist der rechte Weg" hat nicht nur eine andere Bedeutung, sondern auch eine andere Aussprache als "weg" aus "Weg mit allen Schätzen". Es hätte mich nicht gewundert, hätte man mich angesprochen mit "sei gegrüßet" oder verabschiedet mit "gute Nacht, o Wesen". Sollte ich jemals italienisch sprechen müssen, würde ich den Frühling und die sprießende Natur und die sprudelnde Quelle besingen. Dank Heinrich Schütz.
sopran - Mi, 28. Feb, 13:35
JOHN ANDERSON, my jo, John,
When we were first acquent;
Your locks were like the raven,
Your bonie brow was brent;
But now your brow is beld, John,
Your locks are like the snaw;
But blessings on your frosty pow,
John Anderson, my jo.
John Anderson, my jo, John,
We clamb the hill thegither;
And mony a cantie day, John,
We’ve had wi’ ane anither:
Now we maun totter down, John,
And hand in hand we’ll go,
And sleep thegither at the foot,
John Anderson, my jo.
Robert Burns
Das Schumann-Chorlied schubste mich beim Singen in einen noch unbekannten Rührungs-See.
Zum ersten Mal selber die Idee gehabt, mit einem Menschen alt werden zu wollen.
Schreck-Staunen-Glück
sopran - Fr, 2. Feb, 13:33