FAS I - Sendung mit der Maus für Erwachsene
Früher brachte der gleichaltrige Nachbarsjunge meinen Eltern am Sonntagmorgen die WamS, ein schreckliches Machwerk, aber besser als gar nichts. Der Mangel an Zeitung war ein tief empfundener. Einmal gab es eine Sonntagsausgabe der FAZ, das muss kurz nach dem 9. November 1989 gewesen sein.Die FAS beginne ich zum Frühstück mit dem, was man mir zuerst rüberschiebt. Da man darauf bedacht ist, mich bei Laune zu halten, ist das Feuilleton und Gesellschaft. Warum Blogs, frage ich mich da, und beziehe auch mein eigenes mit ein. Soll man wirklich Texte veröffentlichen, die ohne den Druck und die Kontrolle einer Redaktion entstanden ist? Die Selbstredaktion muss schon sehr streng sein. Meine ist auch manchmal zu gnädig mit mir.
Vielleicht möchte mich der Leser auf meiner Tour de FAS begleiten. Wer sie noch nicht liest, der fange
Die Sonntagszeitung ist groß. Tageszeitung wäre mir lieber in tabloid, aber die Sonntagszeitung darf das. Ich beginne mit dem Feuilleton, davon gibt es heute zwei.
1. Zuerst schlage ich das Interview mit Kempowski auf. Gestern las ich in einem Blog von dem "Subgenre Reportage über Abschiedsbesuch bei Walter Kempowski". Ich finde Kempowski ganz normal. Er war ein nörgeliger Mensch, und das mit Recht. Ewig eingeschnappt, und das mit Recht. Grass und Walser schimpft er "die letzten Nieten", und das. Die Fragen von Nahuel Lopez sind doof.
Im Herbst 2006 haben Sie die Diagnose Darmkrebs bekommen. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?
... Es hat mich eigentlich nicht schockiert. ...
Haben Sie sich gleich mit ihrer Krankheit abgefunden?
Ja, das müssen Sie ja nun mal.
Lehnt man sich nicht im ersten Moment dagegen auf?
Nein, das können Sie mir glauben. Das war so, und das habe ich so akzeptiert. Punkt.
Anders als Johannes B. Kerner hören dann das Krebsgefrage auch auf. Aber das ist Zeitung, da steht ja nicht alles drin, was gesprochen wurde. Überhaupt werden im Interview ja selten Fragen so gestellt und Antworten so geantwortet. Man unterhält sich, dann baut der Schreiberling daraus Fragen und Antworten, legt es dem Interviewten vor, und der sagt, nagut oder wasfürnscheiß. Oft will der Interviewte dann genau das NICHT gesagt haben, was wirklich wörtlich aufgenommen wurde. Aber Kempowski meinte alles so, wie er es sagte. Bestimmt ein einfacher Interviewpartner, wenn man ihn ernst nahm. Über den Krebsgangtitel bei Grass war ich auch irritiert. Krebsgang hat auch was mit Bachfugen zu tun, was hat denn der Grass auf einmal mit Bachfugen. "Ich finde das ungehörig". Ungehörig, auch so ein Kempowski-Wort.
2. Nach Kempowski lese ich die "Suada", auch ein neues Subgenre, das doch das jetzt erledigte eben oben erwähnte Subgenre ablösen könnte. Eine Buchmessen-Suada von ichweißnichtwem, in einem schmalden Band am unteren Ende der Seiten, durchlaufend durch eineinhalb der zwei Feuilletons. Das erfordert schnelles Blättern, immer einen kurzen Blick auf die Artikel in den oberen zwei bis drei Vierteln der Seite, kurzes Scannen oben und entscheiden: Später noch lesen, später ignorieren. Das mit den "zwei bis drei Vierteln" ist blöd, da sind die aufgesetzten Buchanzeigen schuld. Wenn wenigstens die passenden Anzeigen zu den per Suada verrissenen Büchern und Umschlägen dort erschienen. Verliefe die Suada immer schön am unteren Rand, könnte ich sie einfach abschneiden zum späteren Wiederlesen. Oben scannen, unten lachen hat aber einen eigenen Reiz. Weitermachen. Später suche ich noch, wer die Suada geschrieben hat.
Schon der Anfang erzeugt inneres Kopfnicken, sachichdoch. Ich löffle eine weitere Einheit Zucker in meinen Milchkaffee.
"Das Gute an Büchern ist, dass man sie zuschlagen kann. Wo es um Literatur geht, gibt es keinen Grund zum Ärgern. Was einem nicht gefällt, muss man ja nicht lesen."
"Mosebachs Schuhe kritisiert man am besten, indem man selber bessere Schuhe trägt. Das Auge liest schließlich mit."
"Wie können es Menschen, die nicht zufällig bei Ritter-Sport beschäftigt sind, tagelang in Messehallen von Oswald Mathias Ungers aushalten, ohne gewalttätig zu werden wie in dem Film "Cube"? ... Ein Buch kann man zuschlagen und in die Ecke werfen, mit einer Messehalle ist das schwieriger."
3. Die Suada endet kurz vor Ende des Feuilletons, und was steht am Ende des Feuilletons? Richtig. Heute Themenabend Jacques Tati auf Arte. Gleichzeitig mit dem Tatort und dem zweiten Teil des Krimis mit Helen Mirren. Ich glaube, dass ich den Jacques Tati-Kram schon kenne, auch die Dokumentatione über die Entstehung von "Playtime Story". Die Filme haben wir sowieso alle auf DVD und auf einer Reise sogar schon einmal in Saint Sevère sur Indre übernachtet. Wer weiß, welcher Tati-Film dort spielt, erhält eine lobende Erwähnung.
4. Das Feuilleton lege ich nun bis zum Nachmittag beiseite und greife für einen ersten Überblick zu "Gesellschaft". Vorne geht es um Konsum, der Diamantenschädel von Damien Hirst ist zu sehen, der Milchkaffee noch nicht ausgetrunken, fange ich lieber hinten an. Oben ein ziemlich langweiliger Artikel über Polygamie und Polyamorie, die Herzblatt-Geschichte lese ich normalerweise, wenn alles andere alle ist, aber jetzt bin ich schon mal hier. Wundere mich über "Florentine Fritzen", hieß der Autor schon immer so? Nein. Komparatisten ans Werk.
5. Eine Seite davor ein Beitrag über "das große Ey", aber googlet doch selber, wer das war. Es gibt eine Ausstellung dazu in Düsseldorf. Neulich viel darüber im Radio gehört, beim Scannen nichts Neues entdeckt, also über den Kunstmarkt hinweg weiter Richtung Anfang blättern. Ein überfüssiger Artikel über Kinderwagen, den ich nicht lese, mich aber über das abgebildete Modell ärgere. So ein Ding, in den man den MaxiCosi-Autositz einfach einhängt. Damit das Kind in den ersten Monaten seines Lebens niemals eine andere Haltung als diese gekrümmte einnehmen darf. Aber so praktisch. Bitte, liebe hippe Jungeltern: Kauft diesen Quatsch nicht. Kinder müssen auch mal flach liegen. Sonst bleiben sie so lahme Enten wie Ihr es seid, die Ihr sogar zu faul seid, Euer Kind beim Aussteigen aus dem Autositz zu schälen.
6. Rechts gegenüber, also eben übersprungen, eine ganzseitige Anzeige von MacDonalds, 20 Jahre MacDonalds Kinderhilfe. Prominente in Kinderzeichnungen, offenbar von einem großen Künstler gemalt. Sehr gut gelungen das Bild von Heike Henkel rechts unten (Kopffüßler mit sehr langen Beinen).
7. Mode, Essen, Wein, Celine Dion - überspringe ich alles. Manieren ja. Milbradt bei der Teezeremonie sieht aus wie Lafontaine. Anna von Münchhausen durfte Fernsehen, weil Gero von Boehm verreisen durfte und über Paläste im Orient schreibt. Erfreue mich am Namen "König Bhumibol" (heißt der nicht Bhumipol) und lasse auch diesen Text liegen. Konsumkritik mit Hearst-Schädel vielleicht später lesen.
PAUSE. Das Frühstück ist beendet. Später mehr, wenn die Kinder die "Sendung mit der Maus" sehen. Die FAS ist die Sendung mit der Maus für Erwachsene.
sopran - So, 7. Okt, 10:24


