Christian Bernhardt: Was sie hier haben
Scheißestvorstellbarer Dialog.Warum, frage ich sie, wechseln wir alle paar Jahre denjenigen, mit dem wir zusammen sind? Ich weiß es nicht, ich habe einfach noch nie lange durchgehalten. Und du, hast du es länger ausgehalten? Nein, du weißt ja, ich auch nicht.
Dann gehe ich ihr nach, die zu dem Kiosk drei Häuser weiter gegangen ist.
Lass uns zu dem Baumarkt gehen, schla
Er ist Teil eines Paares, beide sind schlechtgelaunte junge Ärzte. Sie gehen Shampoo kaufen. Sie gehen in einen Baumarkt. Sie gehen in eine Eisdiele. Sie trinken einen Kaffee. Sie streiten sich. Sie bluten. Sie reden übers Sezieren.
Warum, weiß ich auch nicht so genau. Ich möchte vielleicht nur meine Gefühle fühlen, dass die wichtig sind und dass die wahr sind und dass ich mich darauf verlassen kann. Das will sicher jeder, sagt sie.
Dann bleiben sie wieder vor irgendeinem Laden stehen. Asia-Food, Bäckerei. Auf Seite 13 passiert endlich was. Sie lässt sich totfahren, was in der Situation sicher eine gute Wahl ist. Wäre, denn auf Seite 14 steht sie leider wieder auf, und dann gehen sie doch noch Shampoo kaufen.
Das ist so entsetzlich öde, ich habe selten etwas missmutigeres gelesen. Ehrlich, da gehe ich noch lieber durch Passau.
Dann will ich mal hören, wie es der Jury gefiel:
Ich finden die Sprache unbeholfen. Aber warum nur? Kann er nicht, oder ist das Stil?
Mangold findet's irgendwie nicht so schlimm, oder holt er nur aus? Er findet überall Chiffren und Symbole.
Corino sagt Idschoma Mangold. Heißt das so? Ihm fällt “Die Verwandlung” ein, aber. “Das Mädchen hat ein paar Insekten auf den Arm tätowiert.” Und das ist auch schon der Unterschied. “Stilistisch impotent”.
Ebel nimmt in Schutz. “Sagenhaft konsequent”. “Der Text ist wie ein stabiler Einkaufswagen, er ist perfekt”. Iris Radisch guckt dazu, als müsse sie gleich kotzen. Ebel spricht mal wieder vom Tatort, warum eigentlich? Herr Ebel, wenn sie hier am Montagmorgen mitlesen, bitte melden Sie sich doch mal. Jetzt aber: “Temperamentlosigkeit und Lauheit” - “Man stirbt als Leser eine Art Wärmetod des Gefühls”. Nicht schlecht.
März (Radisch knittert sich wieder das Gesicht) findet's nicht so schlimm. Fühlt sich an Hettche erinnert. Sie hat eine Cola neben ihrem Wasserglas stehen. Durchfall? “Sehr gut, sehr intelligent durchgespielt.”
Heiz hat “am Text überhaupt nichts zu mäkeln”. Trotzdem: “Klappt nicht”. Ich verstehe ihn einfach nicht.
Radisch, meine Rettung? “Ihr seid mir zu klug oder ich bin zu dumm” - “Leseerfahrung von unendlicher Langeweile”. Ja. Ging mir auch so. “Hybridautotext, überhaupt kein PS” - “Der ist sprachlich vollkommen ambitionslos.” Yeah, Radisch. Danke. Ich bin nicht allein.
Rakusa, nein, März nochmal: “Die schöne Leiche hat den Namen Realität, da kann's nicht doller zugehen”. Jetzt Rakusa, gestern übrigens in einer ebenso fabelhaften schwarzen Bluse. “Nicht uninteressant”, “besondere Weise”. “Ich mag dieses Shampoo sehr”.
Wem seiner ist das noch? Nüchtern, oder?
Warum mäkelt keiner an der Sprache? Den holzigen, nein: holzwumstichigen Dialogen?
Nüchtern, gestern in grauem Hemd und einer fürchterlichen quergestreiften Strickjacke. Hellgrau, rot, weiß. Nüchtern holt aus, muss er ja auch. Radisch knittert jetzt schon freihändig. “... führt er auf eine ziemlich witzige Art vor.” Wenn Nüchtern nacherzählt, wird es ganz lustig.
Zweite Hoffnung: Strigl. Vernichten, bitte. "Man muss den Text nicht mögen". Die komischen Terroristen kann sie nicht einordnen. "Gewalttätiger Text". Nein, ihr gefällt der Text auch.
tddl tage der deutschsprachigen literatur klagenfurt 2007 bachmannpreis ingeborg-bachmann-preis wettlesen iris radisch klaus nüchtern daniela strigl ursula märz ilma rakusa ijoma a. alexander mangold andre vladimir heiz karl corino ernst grandits martin ebel orf
sopran - Fr, 29. Jun, 23:44



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