Komm, lass uns Baader-Meinhof-Bande spielen
Als ich klein war, hießen die Terroristen noch Baader-Meinhof-Bande, und so hieß auch das Spiel, das unsere Eltern vielleicht peinlich-staubig “Räuber und Gendarme” genannt hätten. Es beinhaltete, dass der Terrorist (”Ich bin Baader und Du Meinhof”) einem chancenlosen Opfer auflauerte und statt “Päng” das modernere “Rattattattatta” brüllte. Konspirative Gebüschhöhlen hatten wir auch. Konspirativ, auch so ein Radio-Wort.Die Gesichter waren mir vertraut, natürlich, die Plakate in den Postämtern, in letzter Zeit gerne literarisiert. Die Leute sahen normal aus, im Elternalter. Meine Eltern waren ordentlich frisiert, aber das galt nicht für alle ihre Freunde. Die auf den Plakaten schauten vorwurfsvoll, aber wer hängt schon gern im Postamt? Die beste Freundin meiner Mutter sah aus wie Susanne Albrecht und hieß mit Nachnamen Albrecht. Auf einer Fahrt in den Urlaub fuhren mein Bruder und ich mit ihr im roten Golf über die niederländische Grenze, ein längerer Stopp, den wir vorausgesehen hatten und irgendwie spannend fanden.
Hinter unserem Spielplatz wohnte der Minister Vogel. Unser Spielplatz war mit großen Stacheldrahtrollen vor ministeriellen Übergriffen geschützt. Im Ministergarten gingen junge Grenzschützer mit Maschinenpistolen auf und ab. Vor dem Ministerhaus stand eine Wachhütte. Im Halbstundentakt fuhren Polizeiautos an unserem Haus vorbei. Uns kam das normal vor. Wenn mal ein Kind zu spät nach Hause kam, hielten die Eltern ein Polizeiauto an, die Polizisten riefen das Kind dann per Lautsprecher aus. Wie praktisch.
Die ersten Worte, die aus den Nachrichten in mein Gedächtnis wanderten waren
Elvis Presley
Mogadischu
Landshut
Schleyer
GSG9
Krisenstab
Wenn wir auf der Rückbank des elterlichen Peugeot 404 abends von Godesberg oder Beuel nach Hause fuhren, zeigte mein Vater auf die erleuchtete Etage im Langen Eugen. “Da tagt der Krisenstab”, sagte er. Schleyer sah nicht gut aus mit der Zeitung, ungepflegt. Wer kennt diese Stimme? Das Spiel hieß bald nicht mehr Baader-Meinhof-Bande sondern “GSG9”. Was hat eigentlich dieser Wischnewski für einen Beruf?
In unserer Nachbarschaft wohnte später Schleyers Sohn mit Frau und Kindern.
Die Häuser der höheren Beamten erkannte man daran, dass der Briefkasten am Haus zugemauert war. Sie hatten eine freistehende Box vorne am Gehweg. Auch Kinder aus meiner Klasse wohnten in solcheh Häusern.
Auf dem Weg zur Gesangstunde kam ich am Haus von Gerold von Braunmühl vorbei. Blumen lagen auf dem Bürgersteig. Sehr viele Blumen. Ein Sohn war mit mir im Schulchor.
Der Staatssekretär Neusel ging nach dem misslungenen Bombenanschlag von der Autobahnausfahrt aus zu Fuß ins Ministerium. Dann ließ er sich nach Hause fahren, zog sich um und fuhr wieder ins Büro. Seine Frau soll, so die “Stille Post”, erst am Mittag aus dem Radio erfahren haben, warum ihr Mann sich so hastig zur Unzeit umgezogen hat.
Gnade ist Gnade. Gnade hat nichts zu tun mit Vergeben und Verzeihen. Vergeben und Verzeihen ist nicht Aufgabe des Staates.
Die Möglichkeit der Gnade ist ein Ausdruck von Macht.
Für mich waren diese Terroristen Menschen, die anderen mit Gewalt klar machen wollten, was gut für sie ist. Es war mir egal, ob irgendeine gute Idee dahinter stand.
Es gab keine Tyrannen, die aus dem Weg zu räumen waren.
Nur unterschiedliche politische Positionen.
Jedem Häftling steht die Hoffnung zu, das Gefängnis wieder zu verlassen. Das hat das wunderbare Verfassungsgericht aus dem wunderbaren Grundgesetz gelesen. Mir ist persönlich egal, wer wann freigelassen wird. Es soll alles nach dem üblichen Verfahren ablaufen.
Ich wünsche nur den Angehörigen der Opfer, dass sie Fernsehen können, ohne überhebliche Mörderfratzen in Talkshows sehen zu müssen. Eine Frage des Taktes.
sopran - Do, 29. Mrz, 15:11


