Leipzig VI

Auch die Milchbar Pinguin ist ein historischer Ort. Der Pinguin stimmt noch und auch die rosa Leuchtschrift zwischen den Milchbarfenstern im Parterre und dem sozialistischen Wohnungsbau ab dem 1. Stock. Innen ist ein italienisches Eiscafé in der vertrauten Geschmacklosigkeit. Das ist der Unterschied zwischen West und Ost: Bei uns im Westen dürfen die italienischen Eiscafés im Winter in die italienische Heimat fahren. Hier müssen sie bleiben und heißen auch noch Pinguin statt Lazzarin. Ein kurzes Zögern beim Eintreten: Früher war hier Anstehen, bis einem ein Platz angewiesen wurde. Wait to be seated à la GDR.
Sie bestellt einen Kaffee und ein Glas Leitungswasser, wie immer. "Leitungswasser, das darf ich nicht", sagt der Kellner ohne Bedauern, "da müssen Sie schon eine Flasche bestellen." Ich bestelle - zugegeben etwas kapriziös - eine heiße Schokolade "aber die Sahne bitte extra". Das ist doch klar, heiße Schokolade mit Sahne LEBT doch von dem Gegensatz heiß und flüssig (Schokolade) und kalt und schlagsahnig (Sahne). Wenn die Sahne aber schon zu lange auf der Schokolade treibt, weil zum Beispiel der Kellner sehr viel
So besuche ich Leipzig und habe immer noch wie früher das Gefühl, ich mache was falsch, und gleich sagt wieder einer, "das können Sie bei sich da drüben im Westen machen, aber nicht hier bei uns." Wie damals, als ich in Ostberlin bei gerade-nicht-mehr-grün über die Straße ging. Aber bis auf den Pinguin-Kellner, den Küchengroßgerätedispatcher und den Schuldirektor sind ja jetzt alle normal.
Mit Ausnahme des Taxifahrers, der mit leuchtender "frei"-Anzeige an uns vorbei fuhr und unser verzweifeltes Winken beantwortete, in dem er verlangsamte und deutlich auf die Straßenbahnhaltestelle zeigte. Das war sehr nett, denn die Straßenbahn kam ja schon sieben Minuten später, und den ICE nach Berlin erreichten wir mit hängender Zunge trotzdem noch so eben, bevor die Türen schlossen. Er sah uns wohl an, dass wir noch einen Fahrschein in Reserve hatten.
sopran - Di, 9. Jan, 18:16


