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Vergeblich

Ich wollte mögen, was die Jungs mochten, aber als ich das Matchbox-Auto durch den Sandkasten schob, blockierten die Räder. Da buddelten wir lieber ein Loch nach Neuseeland, mein Bruder und ich. Beim Pinkeln treffe ich heute noch oft meine Füße. Als die Jungs mich im Wald umzingelten und unter meinen Rock sehen wollten, war mein Bruder plötzlich weg, der kleine Feigling. Ich wusste nicht mal ein Wort für das, was sie zu sehen hofften. ICH sah da unten ganz normal aus. Sie zeigten mir nichts, aber das Gebammel kannte ich ja schon von meinem Bruder, das sollten sie ruhig in ihren kurzen Hosen behalten. Ästhetisch finde ich das mehr als überflüssig, auch wenn ich den biologischen Nutzen irgendwie anerkenne. Vorhautverengung, das Wort kannte ich schon mit vier.

Penisneid hatte ich nicht, wohl ein großes gnädiges Penismitleid. Reiten, Radfahren, auf die Füße pissen, geht alles besser ohne. Wenig später, viel zu wenig später für meine Wünsche, litt ich an heftigem Busen-Selbstmitleid. Wofür sollten die gut sein? Mit elf sind Brüste überflüssig so überflüssig wie monatliche Bauchschmerzen. Auch bei den Brüsten musste ich den biologischen Nutzen anerkennen, zwölf Jahre später. Das Versöhnungsfest fand aber erst statt, als sie ihresgleichen fanden.

Ich flocht mir Zöpfe, erwählte Liebhaber, zwang mich in Kleider und bekam Kind um Kind und fand ganz anders, was mir zum Frausein fehlte.
croco (anonym) - Mi, 22. Nov, 16:16

Das kenn ich doch ! Ich hab mich über die Geschlechterrollen fast immer nur gewundert. Ich fühle mich nach wie vor in erster Linie als Mensch. Man sollte die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nicht überbewerten.

Sarah (anonym) - Do, 23. Nov, 00:54

Eine exemplarische Schilderung, die im Grunde das Schicksal fast aller Tomboys ist: Die fast totale Auflehnung gegen die Tatsache, dass man tolle Dinge nicht tun soll, nur weil das Gebammel fehlt.
Und dieses Ich-will-das-alles-auch-machen-dürfen führt - zumindest wenn ich selber zurückblicke - in eine Art Märtyrer-Haltung: als Frau in die Männerdomänenbresche springen und beweisen, dass man das ja alles auch kann, auch wenn man viel mehr Einsatz geben muss um akzeptiert zu werden und gleichzeitig ja doch immer auch weibliche Rollenerwartungen erfüllen oder sich diesen bewusst entziehen muss, was zusätzlichen Aufwand bedeutet). Die männliche "Konkurrenz" zu lieben, fällt dann schwer, viel einfacher liebt es sich in Bezug auf bewundernswerte Frauen oder Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, die ebenfalls bewundernswert sind, aber in welchen wir uns in erster Linie gespiegelt sehen. Wahrscheinlich pauschalisiere ich völlig rücksichtslos.

Penisneid hielt ich übrigens auch immer für einen totalen Schwachsinn, bis sich mal eine Psychoanalytikerin dazu äusserte und meinte, dass dies im übertragenen Sinn gemeint sei und historisch zu verstehen sei. Das leuchtete mir dann doch etwas mehr ein.

Und für trockene Füsse gibt es im Übrigen P-Mate.

Sarah (anonym) - Do, 23. Nov, 10:05

Ergänzungen:

Der historisch zu verstehende Penisneid nochmals anders formuliert: Als Mädchen zu bemerken, dass die auf den Sockeln in der eigenen Stadt gewürdigten Menschen fast alle Männer sind, dass die Präsidenten fast alle Männer sind, dass immer hervorgehoben wird, wenn eine Frau das macht oder "schafft". Begreifen, dass offenbar das Gebammel in der Geschichte und Gegenwart zu ganz anderen Dingen und einem anderen Status qualifiziert (hat) als einer selbst zugetraut wird.

Was mir zu den Liebesweisen von ehemaligen Tomboys (wie mir selbst) noch eingefallen ist: Es scheint tatsächlich so etwas wie aktivere und passivere Rollen zu geben, die sehr häufig mit dem biologischen Geschlecht korrellieren (auch wenn ich das nie glauben wollte). Tomboys scheinen zu lernen/dazu zu erzogen werden/als biologische Veranlagung mitzubringen (Zutreffendes bitte ankreuzen), eher aktivere Rollen zu übernehmen, gerne auch selbst mal zu sagen, was man möchte, was nicht, sich nicht einfach immer bloss von Vorschlägen führen zu lassen. Damit stossen sie offenbar jene Männer vor den Kopf, die es sich immer gewohnt waren, Ton anzugeben (weil offenbar tatsächlich die grosse Masse von Frauen es nach wie vor mag, wenn ihnen Entscheidungen abgenommen werden), werden aber von jenen Männern gemocht, die sich mit klassischen Männerrollen (durchwegs der harte Kerl) nicht identifizieren können. Wenn "damalige Tomboys" selbst (mindestens auch immer wieder mal) den aktiven, starken und tonangebenden Part spielen können, klappt es mit ganz bestimmten, spärlich vorhandenen Männern. Sonst aber viel eher und besser mit Frauen - die ohnehin fast ohne Ausnahme viel sanfter sind.

Sarah (anonym) - Do, 23. Nov, 10:15

Ich entschuldige mich für das technische Missgeschick (der Link zu "Tomboy" scheint aber dennoch zu funktionieren) und hülle mich nun endlich in geschriebenes Schweigen.
ConAlma - Do, 23. Nov, 11:40

Großes Gnädiges Penismitleid

Die schöne Formulierung einer Erfahrung, die auch mir nicht fremd ist; und überhaupt ein eindringlicher Text! Auch wenn meine Entwicklung vom Erleben mit "ihresgleichen" immer schon durchzogen war, erzählt mir mein Körper von einer Sehnsucht, die über das Mitleid hinwegsehen muss. Und so wird eine ewige Ambivalenz bleiben ...

sopran - So, 26. Nov, 17:13

Vielen Dank für die schönen Kommentare!
@croco: Zugehörigkeit sollte man nicht überbewerten, aber auch nicht unterschätzen. Es kann sehr entlastend und befreiend sein, einen Begriff, ein Muster zu haben für das, was man ist.
andersquer und überzwerch

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