Dirk von Petersdorff: Anfang
wurde von Detering eingeladen. Detering ist Vater geworden oder es steht bevor, anders ist das nicht zu erklären. Ein ironiefreier Schwurbel über die eigene Vaterwerdung, ich vermute, P hat nur ein einzelnes Baby, keine Zwillinge, das ist dann die fiktionale Komponente, und wahrscheinlich kann er selber gar kein Heideröslein singen, würde es aber gern können.Ich gehe nach den ersten Sätzen hoch ins Theater, weil ich die fassungslose Gesichter sehen will, Julies gehört dazu, aber das bleibt vorsichtshalber unten sitzen. Im Publikum ein paar vollreif gebärfähige Frauen (also mutmaßlich Mütter), die fremdschämend irgendetwas suchen, in das sie beißen können. Ein Ärmel bietet sich an.
Texte, die jemand im Zustande von Übermüdung und (auch väterlichem) Gluttermück schreibt, sollten erst veröffentlicht werden, wenn sie vierzehn, fünfzehn Jahre in einer Schublade ruhten und dem Autor dann immer noch wert sind. Aber ich kenne ja auch Momente, in denen ich die Babyklappe bis zur Volljährigkeit befürworte. Dass Hormone irgendwie geisteskrank machen können, weiß jeder, der sich - streng wissenschaftlich - mit Pubertät oder Wochenbett oder PMS beschäftigt. Seit Väter glauben sollen, sie gebüren mit, weil sie im Kreißsaal im Weg stehen, leiden sie auch unter den hormonellen Begleiterscheinungen.
Nach dem, was Radisch vor ein paar Wochen in der Zeit so klug über das Mutter- und Vaterwerden geschrieben hat, hätte ich gedacht, sie schlachtet ihn, tatsächlich hat sie gerade einen Eisprung, sie findet's super. Nüchtern: "Grandios gescheitert" und (sagichdoch:) "Kinder machen doof." Als Corino anhebt, weiß ich, bevor er es sagt, dass er vor kurzem Großvater geworden ist. Er schämt sich nicht, kleine Geschichtchen von seinen Enkeln zu erzählen, die, wie wir jetzt wissen, in Washington leben, was besonders anspruchsvoll zu sein scheint.
Spinnen findet nicht nur den Text, sondern auch "den Vater unsympathisch", und wer in diesem Moment in Petersdorffs Gesicht sieht, verliert letzte Ironiephantasien. März hat es nicht getan, ihr Ironiedar schlägt falsch positiv aus.
Es ist unerträglich.
bachmannpreis tage der deutschsprachigen literatur klagenfurt 2006 ingeborg-bachmann-preis
sopran - Fr, 23. Jun, 15:13



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