Abbitte
für "furchtbar", Herr Kempowski war ganz reizend, ich lach ja auch beim Lesen ziemlich viel, und wie er liest, will er auch, dass man lacht, aber zugleich den Eindruck erwecken, dass ER das überhaupt nicht komisch findet. Dass man also über IHN und seine leicht verschobene (nicht: verschrobene oder doch nur ein bisschen verschrobene) Sicht lacht, nicht über erfundene Pointen. Denn aus seiner Sicht ist das alles völlig richtig.
Er trug übrigens einen grauen Anzug, lichtschluckend grau, grauer geht' s nicht, aus einem Stoff, der Tuch genannt werden möchte, darunter einen ebenfalls grauen Pullunder und Socken, grau in grau in Rauten, es muss in Rotenburg/Wümme einen Herrenschneider geben (wo lassen Sie arbeiten, Herr K.?) oder vielleicht ein Textilgeschäft, das in den 50er Jahren einige Schock Altmänneranzüge zuviel geordert hatte. Bei Peek und Cloppenburg findet man so etwas jedenfalls nicht.
Ich hielt die Signierstunde ein wenig auf, hinter mir eine Schlange durch die ganze Reise-, Koch- und Sportabteilung, wir hatten von unseren Plätzen Zugriff auf die Memoiren von Max Schmeling und einen Bildband über die Huberbuam, ein Huberbua, mit der Spitze des kleinen Fingers an einem Überhang hängend ohne Seil, die Bergsportabteilung viel zu klein, ich hätte in der Zeit bis zum Beginn der Lesung gerne etwas in "Sicherheit in Fels und Eis" gelesen, herausgegeben von der Schweizerischen Bergwacht, war aber nicht dabei. Oups, Abschwiff. Aber was fang ich auch mit dem Ende an.
Ich war die Zweitjüngste im Raum, darüber zehn Jahre gar nichts, dann der Mann und - auf etwa gleicher Höhe - die beiden Optikerburschen, bei denen ich der Zwei alle drei Monate neue Brillengläser machen lasse, dann wieder lange gar nichts und dann die vielen, die das Kriegsende noch persönlich erlebt haben. Unterhalb eine junge Frau in der ersten Reihe, höchstens zwanzig, die einen "Student"-Spiralblock auf den Knien hatte (Referat?) und nach der Lesung eine von zwei Fragen stellte. Die erste kam von einem Herrn aus Flensburg, der wissen wollte, ob Herr Kempowski die Passage über Flensburg auch in Flensburg lesen würde. Das Lied aus dem Gesangbuch sang Kempowski noch, "sehen Sie, das kennen Sie nicht mehr, deshalb muss ich das alles aufschreiben."
Zurück zum Schluss. Ich hielt die Signierstunde ein wenig auf mit meinen Geschenken. Anders als früher sah er beim Signieren eigentlich nicht auf, früher plauderte er gerne mit den Leuten, was er reinschreiben solle, dies und das, außer, sie kamen mit Taschenbuchausgaben. An Susanne erinnerte er sich natürlich, die habe ihm neulich noch geschrieben. Ob er die Fotos behalten dürfe. Er hatte es nicht eilig, vielleicht würde er nach 30, 40 Unterschriften aufstehen, so wie er es nach zwei Fragen getan hatte. Zuerst stand er aber auf, um mir zum Abschied die Hand zu geben, und die Leute in der verzweigten Schlange hinter mir schauten noch geduldig.
sopran - Sa, 18. Mrz, 22:45



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