Paddeln mit Moshe, Bibi und Tina, 2. Tag
(Drei Tage nix gebloggt, da finde ich im Stehsatz den 2. Tag des Paddelberichts. Klagenfurt, Mongolierenparty, Kinderferien, Bötchen fahren - man kommt zu NIX. Stehsatz, schönes Wort. Heißt: Da steht noch was. Muss nur noch gesetzt werden.)Paddeln mit Moshe, Bibi und Tina, 1. Tag
Der Campingplatz ist inzwischen voll mit Paddlerzelten, ein bekanntes rheinisches Chemieunternehmen hat auch eine größere Delegation geschickt, am Vorabend hatte es angefangen zu regnen, so dass wir den Abend lesend im Auto beschlossen, bis batteriesparhalber das Licht ausging. Ein Zeichen. Das Zelt, ein Nallo 3, um das mal für Kenner zu erwähnen, inzwischen einsA abgespannt, wieder schön beregnet worden. Je straffer desto trommelt's. Ich las ein paar Seiten "tomboy" von Thomas Meinecke und amüsierte mich, habe aber seitdem trotzdem nicht mehr reingeschaut. F. gab sich "Stasiland" von Anna Funder, das ich an dieser Stelle noch einmal jedem empfehlen möchte.
Es wurde Abend, es wurde Morgen, der zweite Tag.
Vom ersten Morgen kannte ich mich schon aus. Die Behindertendusche war leider schon von Tina belegt, die kam mir entgegen, stöhnte über irgendwas, wie anstrengend alles war am Vortag (Ich so: "???"), das Wetter, die Gefahren... Sie verließ gerade den Waschraum, warf mir aber noch zu "da hinten bin ich, mussnochwasholen". Schade.
Die andere Dusche war frei, ich aber besorgt. Denn es ist nun einmal so, dass im Gebirge das Wasser mit besonderer Wucht zu Tale donnert. Weshalb es oft bei seinem Talsturz durch ein Kraftwerk, einen Stausee oder eine Campingplatzdusche geleitet werden muss, damit es im Tal nicht zu Überschwemmungen kommt. Wie sie den reißenden Carreratobel aber vor seinem Eintritt in den Duschkopf auf 50 Grad erhitzen? Wahrscheinlich durch Reibungsenergie. Es gibt einen Knopf, der so kräftig gedrückt werden will, dass das nur schwer von der Seite zu machen ist. Also davor stellen, Knopf drücken, und schon findet man sich im Duschvorhang an die gegenüberliegende Tür gepresst. Die Behindertendusche ist einzig breit genug, die Klamotten außer Reichweite des Tobel zu hängen. Während ich mich von der Tür löste und in einem kleinen Kreis mich an der Wand entlang unter den Duschkopf schob, fiel mir auch kein Hauptsatz zu diesem schönen Nebensatz ein. Der unergründliche Ratschluss des großen Platzwartes stellt das Wasser von Zeit zu Zeit automatisch ab. Dann schwingt kraftvoll der Duschvorhang zurück und kleidet den nackten Duscher in Blumen.
Als ich aus dem Schleudergang austrat, hing Tinas Kulturbeutel noch in der trockenen Behindertendusche. Es hatte sich mittlerweile eine kleine Schlage gebildet. Zwischen Dings 1 und Dings 2 sollten wir abgeholt werden, Bibi, Tina, F. und ich. Dings 1 war lang vorbei und Dings 2 soeben. "Man bekommt aber auch wirklich zu wenig Informationen", maulte Tina uns in den Kaffee.
Neoprenanzug, Neoprenschuhe, Paddeljacke mit "Das-bringt-mich-um"-Neoprenhalsbündchen, Neoprenspritzdecke, Schwimmweste, Helm, Boot, Paddel. Ich bilde ein Neopren-Kunststoff-Presspaket, aus dem lediglich Gesicht und Hände an die Sonne dürfen. Unsere Gruppe wurde zweigeteilt, wir vier bilden die Vereinigungsmenge aus "die drei kleinen Dicken ohne Hals" und "die drei Lesben". Die blutjunge Paddellehrerin ist eine Augenweide, das immerhin. Dummerweise hat sie nicht vergessen, dass am Vortag die Vorstellungsrunde vergessen wurde, auf die wir nicht so versessen waren. Nun müssen F. und ich zugeben, dass wir eigentlich von Paddeln keine Ahnung haben und unser spezielles "Thema, an dem wir arbeiten wollen", das Paddeln als solches ist. Bibi und Tina dagegen haben schon Kurse gemacht, Tina hat dabei allerdings ein Trauma erlitten, das sie nun aufarbeiten möchte. Mit erstickter Stimme schildert sie die Gefahren, denen sie durch verantwortungslose Paddellehrer und ihren Exfreund Kurti immer wieder ausgesetzt wurde. Gähn. Können wir dann mal los?
F. und ich kämpfen ein bisschen, gegen das Boot, gegen das Wasser, gegen das Paddel, gegen das Gelaber. Wir gehen die Sache sportlich an, aber das Boot honoriert das nicht. Bibi und Tina können schon alles und wissen auch, wie es heißt. Seilfähre zum Beispiel. F. dagegen fragt sich, warum sie immer gegen die Strömung fahren soll, obwohl man dabei nicht voran kommt. Und zwar nicht mal flussaufwärts voran. Diese Wildwasserfahrer fahren sowieso nicht flussaufwärts. Sie lassen sich eigentlich immer nur runtertreiben, steuern ein bisschen mit dem Paddel und gehen mit ihrem Becken spazieren. Wenn sie flussaufwärts müssen, tragen sie das Boot über Land und rutschen wieder runter. Runter ist dagegen ganz einfach, auch wenn man gegen die Strömung paddelt: Kleinen Fehler machen, und zack, wieder umgedreht und ab Richtung Wehr.
Gemein: Wenn man dann doch mal genau das macht, was die Paddellehrerin sagt (lange ruhige Schläge, selig lächeln, Becken spazieren lassen), funktioniert es plötzlich. Und ist natürlich mal wieder überhaupt nicht anstrengend, was ist denn das für ein Sport?
Kaum sind wir nach der Mittagspause wieder im Boot, ist schon wieder aussteigen: Feldenkrais, dieses Mal: Die Beckenuhr. Kenne ich aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Wie wär's noch mit dem Beckenbodenaufzug vom Keller in den vierten Stock? Mit dem Becken auf viertel vor drei sitze ich dann wieder in meiner Wasserprothese, und wieder hat's genützt. Ja leckmichdoch. Wegen Überforderungsgefahr ("zu viel Input") werden wir viel zu früh an Land geholt. F. und ich erquengeln uns noch eine weitere kleine Abfahrt, aber Tina muss wieder duschen. Und während in Villabajo noch die Boote aufgeladen werden, wird in Villariba schon geduscht.
F. und ich möchten nun endlich Schnee sehen. Zum Klettern ist es zu bröselig, Fahrrad fahren später, suchen wir eine Seilbahn, die uns über die Baumgrenze bringt. Aber nein: Seilbahn Flims hatte schon die letzte Talfahrt. Fotografieren wir den Bahnhof Saigon.

Dann: Stadtfein machen und mit dem Fahrrad zur Kanukursvereinigungsparty. Mist. Zu Spät. Tina bestellt sich gerade einen Kamillentee. "...und jetzt haben wir das Weißbier da stehen", sagt sie zu Tina, "sonst hätt ich noch überlegt, ob ich ein Glas Rotwein trinke". Das wird ein lustiger Abend werden hier am Ende der Tafel. Bei Bibi großes Augenverdrehen über Tina, wir irgendwie abgeschottet aber erfahren wenigstens, dass Bibi lesbisch ist, Tina nicht, und dann kommt auch schon der Nachtisch. Im Dunkeln mit Stirnlampe zurück, dankbares Erkennen, dass es auf dem Hinweg doch viel mehr bergauf als bergab gegangen war. Retour invers.
Wir träumen aufgeregt von morgen, denn morgen, morgen sollen wir das machen, was wir uns unter Wildwasserpaddeln vorstellen: Uns hurtig fünfzehn bis zwanzig Kilometer einen Fluss herunterfallen lassen. Ob es dazu kommt und warum nicht erfahren Sie an dieser Stelle, wenn es wieder heißt: Paddeln lernen mit Moshe, Bibi und Tina.
(Ab Mittwoch Klagenfurt-TV!)
sopran - So, 24. Jun, 23:15


