Andrea Grill also, aus Österreicht, mit ihrem "Familienalbum". Und so ist es auch. Die Kapitel heißen "Meine Großmutter, das Schaltentier", "Tante Lulja in Europa" oder eben "Der gelbe Onkel". Nachbarn gibt es auch und Hausfreunde und einen Friseur. Sie haben kleine Macken, die sehr liebevoll und mit sprachlicher Sorgfalt beschrieben sind. Manchmal bin ich verwirrt: Welcher Großvater hat denn nun das Halma ausgesägt, der echte oder der andere? Wer hat nochmal eine spanische Frau, der Freund des Hauses oder der befreundete Neffe? Da wünsche ich mir mehr Übersicht. Wer ist denn nun wie mit wem verwandt? Und wie steht der Ich-Erzähler, die Ich-Erzählerin zu diesen Menschen? Das erfahre ich mal, dann freut es mich, aber nicht immer, dann rätsle ich, was ich nicht gerne tue, wenn nicht im nächsten Heft oder am unteren Seitenrand in umgedrehten kleinen Buchstaben die Auflösung steht.
Insgesamt ist das ein schönes Buch mit freundlichen kleinen Porträts, die für meinen Geschmack aber etwas knackiger ausfallen könnten. Mehr Details, Namen, Orte? Ich weiß es auch nicht. Es war ohnehin viel zu heiß draußen im Liegestuhl, ich schaffte nicht einmal die Kirschen, und als ich das Buch zugeklappt hatte, fiel ich in mein Bett und schlief eineinhalb Stunden. Erwachte nur einmal, weil ein kleines Mündchen mir auf eine Stelle am Rücken küsste, wo manche Frauen ein Arschgeweih haben, und ein kleine Händchen mir das Leibchen über diese Stelle zog.
Andrea Grill hat übrigens ihr Video-Porträt inzwischen nachgeliefert. Sie forscht in Bologna über Eichhörnchen. Einwandfrei.
Film hier
sopran - Sa, 9. Jun, 20:10
Das Exemplar, das ich über "amazon Marketplace" für einsfuffzig bekommen habe, ist am 13.12.06 aus der Stadtbibliothek Eppelheim ausgeschieden. Das sagen die Stempel auf der Innentitelseite. Taschenbuch, 2001.
Björn Kern hat das mit Anfang 20 geschrieben, und er hat um die Geschichten aus der provencalischen Alten- und Irrenanstalt, in der er seinen Zivildienst ableistet, eine Gerichtsgeschichte und eine Liebesgeschichte und eine Verrücktwerdensgeschichte gestrickt. "er" ist, so mutmaße ich, der Ich-Erzähler und der Autor. Die Geschichten aus dem Heim sind dreckig, traurig, empörend und ganz schön. Schlicht erzählt, ohne besondere sprachliche Kunstfertigkeit, eher nachlässig. Dieses blöde "nicht wirklich" zum Beispiel, oder mit wegen dem Dativ zu nutzen. Es liest sich aber ganz flüssig. Hübsch, wie er eine Altersheim-Geschichte einmal seiner Freundin erzählt. Die will sie nicht zu ende hören. Und dann erzählt er sie später noch mal ganz.
Essenz des Buches scheint mir zu sein: Das ist alles zu viel für einen 19-Jährigen. Und um das zu zeigen, lässt Björn Kern seinen Helden nun saftig durchdrehen. Das wird dann manchmal echt zu fett. Schlimm: Der Held erzählt in einer Mittags-Talkshow über seinen eben misslungenen Selbstmordversucht. Traum? Phantasie? Egal. Überflüssig. Er muss immer erzählen: Seiner Freundin Anna, die das irgendwann nicht mehr aushält, einer Ärztin im Krankenhaus, dem Gericht. Seltsame Vorstellungen über den Ablauf eines Strafprozesses nach Jugendstrafrecht. Fünf Jahre Jugendhaft für einen offenbar verwirrten 19-Jährigen? Pfff.
Fazit: Der Autor hat zu wenig Distanz zu seiner Figur. Um den unerträglichen Zivildienst und die Probleme damit zu schildern, hätte viel weniger drumrum genügt. Ich bin gespannt, was aus dem Jungen geworden ist, und wie er heute schreibt.
Ich hab's heute nachmittag auf dem Bett durchgelesen, zwischendurch Flieger gefaltet, und jetzt findet am Fußende gerade ein Theaterstück mit einem Schaf und einem Krokodil statt.
sopran - Sa, 9. Jun, 16:15