Paddeln mit Moshe, Bibi und Tina, 1. Tag
Am Morgen die Wasserschüsseln vom Zeltdach geleert, aus der Schlucht dampfen die Wolken hoch und geben den Blick auf den Flimser Bergsturz frei. Der ist erst ein paar tausend Jahre her, weshalb es immer noch munter weiter bröselt. Der Rhein hat sich erstaunlich schnell durch die eine Million Einfamilienhäuser gegraben und bildet ein munteres Wildwassserflüsschen. Mal wilder, mal weniger, je nach Wasserstand.Bibi und Tina aus Augsburg (Namen geändert, aber nicht entstellt) wohnen auch auf dem Campingplatz. Tina hat schon am ersten Morgen verschissen, als sie in unser qualifiziertes Campingplatzanmeldegespräch mit der Campingplatzwartin hereinplatzt und "Verzeihung" nach ihren Kühltaschenkühlaggregaten, "diesen Elementen" verlangt, die sie dem Platzwartskühlschrank anvertraut hatte. Bibi packen wir erstmal mit in den Topf "Kühltaschenmemmen" = wehleidig und mädchenhaft-schwierig, der Einfachheit halber. Schließlich teilen die beiden ein Zelt. Wenn auch, wie wir mutmaßen, nicht den Schlafsack, denn Tina wirkt wesentlich unterfickter als Bibi.
Ich ziehe mich zum Frühstück aus, denn es wird heiß, und für den ersten Tag ist Entchenschule auf dem Baggersee angesetzt. Tatsächlich: Bibi und Tina sind auch dabei. Bibi ist Sotzpätt, aber eigentlich Sambatrommlerin, Tina spielt Pflöte im Orschester, wie wir erfahren. Sie haben Leihboote einer bestimmten Sorte verlangt, entscheiden sich dann aber doch für Leihboote einer anderen Sorte, und die Schüsseln werden von den freundlichen Kursleitern für nix aufgeladen-abgeladen-aufgeladen-abgeladen. F. und ich hatten angekreuzt, wir könnten schon mit einem Kajak geradeaus fahren, und sind deshalb in der Gruppe für gehobene Anfänger. F. hat das per Nachholen auf dem anderswoischen Waldsee erst ein paar Tage vor dem Kurs wahrgemacht und ist, bis sie ins Wasser fiel, eine längere Strecke wunderbar geradeaus gefahren. Mit einem sehr langen geraden Kajak. Für die Schweizer aber eher ein Idiotentest: Erst gegen Mittag verrät man uns, dass man mit den kurzen Wildwasserbooten überhaupt nicht geradeaus fahren kann. Die anderen wussten das schon. Ab da wird es einfacher.
Tüürsche maache, Böötsche fahre, Teilsche äässe, das ist der rheinische Triathlon, das kenne ich von zu Hause.
"Ich gehe Boot fahren", sagt der Schilehrer, "das ist was ganz anders als Ich gehe paddeln." Irgendwas Entspanntes, Ganzheitliches nämlich. Nix Sportliches jedenfalls. Wir lernen Boot fahren nach Moshe Feldenkrais. Sagt zwar erstmal keiner, aber nach drei Monaten wöchentlicher Einzelstunden bei der Mongolière nebenan merk ich sofort, was gespielt wird. Nach 39 Jahren als Brett fange ich jetzt sogar schon an, beim Gehen die Schultern mitzunehmen. Wo soll das noch hinführen? Die Trockenübungen an Land sind nur mitteltrocken, denn inzwischen hat es angefangen zu regnen. "Spürt's dem mal nach, wenns ihr im Boot seids", sagt der österreichische Schilehrer. Erstmal aber Spüren an Land. Ich weiß schon, wie der Hase läuft: wenn ich den linken kleinen Zeh leicht nach außen drehe, geht die Bewegung bis ins recht Ohr oder so.
Die Freaks von der Stechpaddelfraktion, die auf dem selben See kanadierfahren üben, fahren einen schon mal über den Haufen, während man seinem Becken nachgeht, aber dafür habe ich Verständnis. Solche Kurse werden auch unter dem Namen "Nicht immer nur im Kreis fahren" angeboten. Das Wasser ist warm, das von unten und das von oben.
Der Schkilehrer tänzelt mit seinem Spielzeugboot übers Wasser, glücklich, beseelt, die kleinen Finger abgespreizt. "Und während mein Becken auf dem Wasser spazieren geht, paddelt mein Paddel für mich." Ja, ist das nicht fantastisch? Die angedrohte Vorstellungsrunde, in der jeder mal so sagen soll, "was sein spezielles Thema beim Paddeln ist, was er hier erreichen möchte", ist zum Glück ausgefallen. Mein Thema: Paddeln lernen.
Ich komm ja vom Rudern, möchte ich hier kurz erwähnen, da sitzt man in sehr langen Booten aus Holz, die sehr geradeausfahren und immer schneller werden, je kräftiger und besser man rudert. Wenn man auf einen Stein fährt, ist das Boot kaputt. Die Wildwasserkajaks sind kurz, bunt und halten jeder Misshandlung stand. Wenn man drinsitzt, sieht man aus wie oberschenkelamputiert. Das Boot ist die Wasserausführung der Prothese. Stimmt natürlich nicht, man macht total viel mit den Beinen und dem Becken, aber bescheuert aussehen tut es trotzdem. Beine bleiben weiß. Die sind ja immer im Schatten unter der Spritzdecke. Hals bleibt auch weiß, wegen Neoprenkragen. Aber ich habe sowieso keinen Hals, deshalb ist's egal. Scheuert der Kragen halt direkt am Kinn.
Weil Tina jetzt schnellstens eine Dusche braucht, müssen sich alle ein bisschen beeilen, Treffzeit für morgen ausmachen, loslos. Bibi und Tina verpissen sich dann konsequenterweise vor dem Boote aufladen. Schließlich haben sie ja für den Kurs bezahlt oder was. Vielleicht muss man das als Kind schon lernen: Die Fahrt endet im Bootshaus, nicht am Ufer.
Am Bahnhof ist das Hanfbier aus dem Sortiment genommen, aber Calanda tut's auch. Dazu gibt es Capuns, was man hier isst, um für den langen harten Winter Fett und Kohlenhydrate zu bunkern.
Nichts tut weh, und müde bin ich auch nicht. Schade.
Und hier geht's weiter:
Paddeln mit Moshe, Bibi und Tina, 2. Tag
sopran - So, 3. Jun, 11:53


