Gelernt:
Niemals pünktlich kommen, sonst hagelt es Bises. Rechts links, nur zwei, das immerhin, aber von 20 Personen? bises und bises einmal-durch-den-Chor verhält sich wie schlichtes Händeschütteln zu Friedensgruß-in-der-Kirche. Und ich war nichtmal pünktlich. Zehn Minuten nach dem angekündigten Probenbeginn um halb neun traf ich bereits zwei Chormitglieder an, den Iren und den Belgier. Sie standen neben einem leeren Pizzakarton und einer halbvollen Flasche Rotwein, hinterlassen von früher angereisten Chormitgliedern, die sich aber bis gegen neun noch ein wenig frisch machten oder wasauchimmer.
Der typische französische Chorscherz hat mit all diesen phonetischen Teekesselchen zu tun, von denen ich immer dachte, dass Franzosen sie anders als ich problemlos unterscheiden können. Ich habe schon alle wieder vergessen, außer, dass aus dem lateinisch-französisch ausgesprochenen "secundum" von den hier wie dort immer zu einem Scherz aufgelegten Tenor ses condoms gemacht wurde. Riesig. Es gab bestimmt auch bessere Scherze, aber die habe ich nicht verstanden.
Ich kann hier überhaupt keine Scherze machen, das ist auch ungewohnt, denn die heimischen entspringen entweder einer gemeinsamen kulturellen Entwicklung ("Votre chien ne peut pas parler" - Loriot) oder einer gemeinsamen chorischen Sozialisation, in der noch einigen Überlebenden völlig klar ist, dass ein lebendiger Hund besser ist als ein toter Löwe.
sopran - Fr, 2. Mrz, 23:26
bemerke ich, dass ich meiner Oma nähertrete. Die im Alter der Gleichform der Tage begegnete, indem sie die Attraktionen gleichmäßig zu verteilen suchte, das hieß: Kein Enkelbesuch am Dienstag, weil da schon die Putzfrau kam, kein Kaffeekränzchen an Konzerttagen (drei Abonnements) usw. Die Besuche aus den Nachbarstaaten (England, Belgien, Deutschland) verteile ich über den Frühfrühling und hoffe, dass es im Spätfrühling kein Ende damit hat. Heute hörte ich schon am Klatschen im Flur, dass da noch mehr war als DIE ZEIT - das öde Lehrerblatt, das ich zu Hause nach 20 Jahren endlich abbestellen wollte und nun jeden Freitag freudig begrüße. Dazu kam - schon! - die Amazon-Lieferung mit Max Goldt, Jörg Fauser und einem Film, dessen Titel ich jetzt nicht schreiben kann, weil: Überraschung nichts dagegen. Klammheimliche Freude Hilfsausdruck.
Dafür verrate ich schon mal, was ich gestern gekauft habe: Louis de Funes-Film von 1964.
Dachte wirklich: Amazon hätte auch bis Montag warten können.
sopran - Fr, 2. Mrz, 18:27
Gestern wagte ich mich sogar zum Friseur, Sylvie war mir von F. empfohlen worden, der Sylvie wiederum von der Gemeindesekretärin empfohlen worden war. In Castelnaudary gibt es einen Platz, an dem au minimüm sieben Friseurläden liegen. Ich hatte ein Rendez-Vous mit Sylvie, und als Sylvie mit dem grauen Kurzhaarschnitt nebenan fertig war, fragte sie mich nach meinen Wünschen. "Vraiment court" sagte ich, und sie wiederholte "vraiment court", auf eine Weise, die mir signalisierte, dass ich jetzt nicht schon wieder drolligen Blödsinn gesprochen hatte. Oder sehr höflich war. So machte sie es dann auch, erst mit einer Schere, dann mit einer kleinen Säge. So eine Säge war mir in meiner 30-jährigen Kurzhaarschnittgeschichte noch nicht begegnet.
Unter Sylvies Händen und ohne aufgedrängte Unterhaltung begann ich ein Buch, "Liebestod" von Oscar van den Boogaard. Zum Gück hatte mich niemand gewarnt, dass darin ein Kind ertrinkt, nach der zweiten Seite war es zu spät, da wusste ich schon Bescheid und konnte dann auch einfach weiterlesen. Ein okayes Buch. Ich hatte vor Jahren "Julias Herrlichkeit" vom selben Autor gelesen und gut gefunden. Es gibt ja diese seltenen Vorkommen von sinnvoll über Frauen schreibenden Männern. Außer diesem Eindruck habe ich aber alles vergessen über "Julias Herrlichkeit". Überhaupt scheinen mir holländische Autoren besonders wenig Angst zu haben vor toten Kindern und tiefer Schuld. Ausdrücklich warnen möchte ich vor den gut geschriebenen tief berührenden Büchern von Renate Dorrestein. Tote Kinder, schuldige Kinder, Dinge, die man sich einfach nicht vorstellen möchte. "Liebestod" ist aber erträglich. Schade nur, dass die Figur der Nachbarin, die am Anfang das tote Kind aus ihrem eigenen Pool zieht, nicht weitergeführt wird. Handlung: Achtjähriges Mädchen ertrinkt im Pool der Nachbarin, die Eltern trauern, trennen sich auf Zeit (Vater geht für ein paar Jahre als Soldat nach Surinam) und versuchen später wieder zusammen zu kommen. Es gibt eine Geschichte dahinter, die man erahnt, und die am Ende aufgelöst wird. Es ist ein angenehm kurzes Buch, das ich schneller durchgelesen, als mich an die neue Frisur gewöhnt hatte.
Als ich am Nachmittag die Vier in die École maternelle brachte, begegnete ich der Gemeindesekretärin. Sie sah mich an, als hätte ich die selbe Friseurin.
Am Abend nahm ich dann irgendwas aus dem Regal, wovon ich keine Ahnung habe, wie es dort hingekommen ist. "Canal Grande" von Hannu Raittila handelt von einer Horde Finnen in Venedig. Ich kenne Finnland fast so gut wie den Inhalt meiner sämtlichen roten Crumpler-Taschen aus den Maria Kallio-Krimis. Allen Chorsängern möchte ich den ersten "Alle singen im Chor" empfehlen. Das dort beschriebene soziale Gebilde Chor entspricht meinen Erfahrungen, nur dass in meinem Chor - noch - niemand von einem Mitsänger ermordet worden ist. Die Autorin heißt Leena Lehtolainen. Ein anderer spielt im Eiskunstlauf-Milieu, auch was für mich. Solide Ware für lange Zugfahrten. Über Venedig weiß ich sowieso alles: Von Mann, Visconti,
Andersch, und - ich geb's zu - Donna Leon. Und weil ich im Sommer 1987 dort mal durch den Regen gelaufen bin. Und Jahre später ein paar Dezembertage durch den Nebel. Aber wer weiß nicht alles über Venedig?
In dem Buch erfährt man sehr viel über Finnland. Zum Beispiel über das finnische Ruderboot, das ich später zu googlen versuchen werde. Eine gut gefettete Längsbank ersetzt in Verbindung mit einer gut gefetteten Ruderhose die Rollbahn-Rollsitz-Technik. Sehr schön sind die Auslassungen des finnischen Ingenieurs über "die Europäer". Die Finnen gehören übrigens einer Delegation an, die Venedig vorm Untergang bewahren soll. Die Venezianer haben an diesem Projekt kein besonderes Interesse. Ich bin jetzt etwa in der Mitte, eben las ich über eine finnische Saune auf einem venezianischen Dach ("Diese sorgfältig auf dem Dach des Palastes errichtete, saubere finnische Sauna ist für Marrisjärvi eindeutig das einzig brauchbare Bauwerk in ganz Venedig."). Dann über eine Ausfahrt mit dem finnischen Ruderboot. Der Ingenieur rudert, auf der Rückfahrt stecken sie wegen der Ebbe eine Weile im Sand fest, bist die Flut kommt. Wie sich der Ingenieur auf der Ruderbank (total fettige Jacke) zum Schlafen ausstreckt, wie sich das Gerede der Mitreisenden (ein Dozent, der zwar kein Italienisch, dafür aber Latein spricht und ein amerikanischer Regisseur) ebenso in seinen Schlaf mischt wie das Plätschern - das der Wellen und das der abwechselnd in die Lagune Pinkelnden, das ist so Ruderwanderfahrtenvertraut, dass ich ganz wehmütig werde.
sopran - Fr, 2. Mrz, 12:49