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Dienstag, 9. Januar 2007

Leipzig VI

Milchbar Pinguin

Auch die Milchbar Pinguin ist ein historischer Ort. Der Pinguin stimmt noch und auch die rosa Leuchtschrift zwischen den Milchbarfenstern im Parterre und dem sozialistischen Wohnungsbau ab dem 1. Stock. Innen ist ein italienisches Eiscafé in der vertrauten Geschmacklosigkeit. Das ist der Unterschied zwischen West und Ost: Bei uns im Westen dürfen die italienischen Eiscafés im Winter in die italienische Heimat fahren. Hier müssen sie bleiben und heißen auch noch Pinguin statt Lazzarin. Ein kurzes Zögern beim Eintreten: Früher war hier Anstehen, bis einem ein Platz angewiesen wurde. Wait to be seated à la GDR.

Sie bestellt einen Kaffee und ein Glas Leitungswasser, wie immer. "Leitungswasser, das darf ich nicht", sagt der Kellner ohne Bedauern, "da müssen Sie schon eine Flasche bestellen." Ich bestelle - zugegeben etwas kapriziös - eine heiße Schokolade "aber die Sahne bitte extra". Das ist doch klar, heiße Schokolade mit Sahne LEBT doch von dem Gegensatz heiß und flüssig (Schokolade) und kalt und schlagsahnig (Sahne). Wenn die Sahne aber schon zu lange auf der Schokolade treibt, weil zum Beispiel der Kellner sehr viel Zeit anderes zu tun hat, ist die Sahne lauwarm und soßig. "Das ist bei uns noch nie vorgekommen", sagt der Kellner, und ich sage, "das macht doch nichts", und dann geht es doch. Das mit der Sahne. Nicht das mit dem Leitungswasser.

So besuche ich Leipzig und habe immer noch wie früher das Gefühl, ich mache was falsch, und gleich sagt wieder einer, "das können Sie bei sich da drüben im Westen machen, aber nicht hier bei uns." Wie damals, als ich in Ostberlin bei gerade-nicht-mehr-grün über die Straße ging. Aber bis auf den Pinguin-Kellner, den Küchengroßgerätedispatcher und den Schuldirektor sind ja jetzt alle normal.

Mit Ausnahme des Taxifahrers, der mit leuchtender "frei"-Anzeige an uns vorbei fuhr und unser verzweifeltes Winken beantwortete, in dem er verlangsamte und deutlich auf die Straßenbahnhaltestelle zeigte. Das war sehr nett, denn die Straßenbahn kam ja schon sieben Minuten später, und den ICE nach Berlin erreichten wir mit hängender Zunge trotzdem noch so eben, bevor die Türen schlossen. Er sah uns wohl an, dass wir noch einen Fahrschein in Reserve hatten.

Leipzig V

Ohne Genehmigung

Eine Genehmigung soll ich auch beantragen, um den Laden von Schiller & Borgis zu fotografieren.

Warum ich sein Lodn fotografiere, will der Händler wissen, als er wütend aus dem Laden auf mich zu stürmt. Weil er mir gefiele, antworte ich.
Ich: "Ich finde, das ist ein schöner Laden."
Er: "Nä, Sie dürfn doch nisch eenfach n Lodn fodografiern."
Ich: "Doch."
Er: "Nä, nix do. Da brauchn Se eine Genähmischung!"
Ich: Traurig lachend ab.
Er: Wütend kopfschüttelnd ab.

Leipzig IV

Der Geruch ist weg, das ist das Auffälligste. Braunkohle und dieses Putzmittel und das Zweitaktgemisch. Weg. Und das Tuckern der Trabanten. Dass die Karl-Heine-Straße nicht neu geteert ist, das wundert mich. Wie oft werden in Bonn die Straßen neu geteert? Doch locker einmal in 16 Jahren, oder täuscht das? Mir fiel auf, wie wenig sich geändert hat, wie viel DDR noch da ist abseits der sorgsam geschminkten Innenstadt. F. findet alles viel zu neu, viel zu geleckt, so wenig übrig von dem Leipzig, das sie kannte aus der Kindheit. Doch dann findet sie Pflastersteine, Gullideckel, die alten Garagen und Zündelbuden für ihre Backpulversprengexperimente. Die Bordsteine, an denen entlang sie durch die Straßen hinkte. Die Feinbäckerei. Das Schild, nicht mehr den Laden. Die Brache um den Bayerischen Bahnhof.

Bordstein

Mehr Bilder hier.

Damals schon ziemlich renoviert war die Nikolaikirche. 1982, mit 14, war F. bei den ersten Friedensgebeten dabei, nur ein paar Leute. Auf dem Marktplatz ist jetzt ein großes Loch, U-Bahn-Bau oder so. "Da bin ich mal verhaftet worden, weil ich eine Kerze hatte." In Bonn gab es Friedensdemos mit zigtausend Teilnehmern, und um da hinzugehen, genügte es, Lust auf WASLOS zu haben. Mut brauchte man nicht.

Die Nikolaikirche ist sehr schön und sehr, sehr groß. Warum nicht, denke ich, von hier könnte wirklich eine Revolution ausgegangen sein. Sie fotografiert eine Platznummer und das Symbol an der Wand.

Schwerter zu Pflugscharen

Schwerter zu Pflugscharen. Sie hatte das auf dem Jackenärmel. Ich hatte das an der Tasche zur selben Zeit, 1982, 83. Warum? Weil ich erfahren hatte, dass ich in der DDR damit nicht hätte in die Schule kommen dürfen. Hätte ich es getan? Das fragte ich mich damals, und ich war erleichtert, keine Antwort zu wissen. Viel lieber aber hätte ich mich mutig gewusst.

Sie ging in die Goetheschule bis zu der Sache mit der Jacke. Die Schule - heute EVAngelisches SCHULZEntrum) sieht sich noch ähnlich, jedenfalls von der Seite, vorne und hinten ist sie renoviert. "Da bin ich verhört worden", sagt sie und zeigt auf das Fenster links über dem Eingang.

Der Evaschulze-Direktor stellt uns im Treppenhaus. "Sie können hier doch nicht einfach reinlaufen, da brauchen Sie doch eine Genehmigung!" und "Wie stellen Sie sich das denn vor!" und "Da könnte ja jeder kommen!" und als ihm nichts Blöderes mehr einfällt: "Wenn Sie nun ein kleines Kind ansprechen würden!". Sie sagt, sie sei hier zur Schule gegangen, und ob er nicht einfach erlauben könne, dass sie sich umschaut. "Nein, da brauchen Sie eine Genehmigung, da müssen Sie im Sekretariat Ihr Anliegen vorbringen. Da müssen Sie den offiziellen Weg gehen."

Wir gehen ins Sekretariat, die Tür zum Verhörzimmer steht offen. Die Sekretärin schaut uns erstaunt an. "Ja selbstverständlich, schauen Sie sich einfach um." Genehmigung erteilt

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