Gegen viertel nach neun bekommt der Titel des untenstehenden Beitrages eine feine Fortsetzung. Nachdem gestern der Bagger von Marquis S.A.D.E. für die Kanalisationsarbeiten das Bachbett von hier bis zur Voisine innert einer halben Stunde mitsamt der Auwälder unterpflog, sollen heute die Schneisen zum Hausanschluss gebaggert werden.
Während hinten gebaggert wird, wird vorne an der Tür geklopft. Vous comprenez? Parles-vous francais? Un petit peu, oui.
Ob ich weiß, wo das Abflussrohr, das unweit des vorgestern installierten Riesenplanschbeckens in der Wiese verschwindet, seinen Fort- und Ausgang findet. Seinen Ausgang in den Bach. (Der Mann glaubt weiter daran, dass Merde einen feineren Weg nimmt, aber wie soll der Abfluss denn unterscheiden zwischen Duschwasser und dingens?) Während der Bagger sich baggernd dem Haus nähert, stehe ich mit Monsieur S.A.D.E. auf dem Balkon und wälze "peut-etres" und "idées", eine typische französische Debatte aus Freude am Debattieren, ohne Zielführungsabsicht. Wer könnte was wissen, vielleicht eine Verbindung zur Nachbarin?
Dann Lachen und Nasezuhalten an der Kackbachseite, "on a trouvé" mon merde de matin, pas de problème madame.
sopran - Do, 13. Jul, 09:35
Ich hadere kaum noch mit meinem dürftigen Französisch, ich passe mich einerseits dem Süden an, sage "demäng matäng" zu morgen früh und "päng oh räsäng", wenn ich Rosinenbrot kaufe. Lasse andererseits mit einem Gefühl von discrétion das Geschnatter durch den verschlungenen Kanal zwischen meinen Ohren rauschen.
Ich schlief unselig, lange lag ich wach und frage mich, warum ich statt zu schlafen lieber beobachtete, wie bei jedem Umdrehen mal die linke, mal die rechte Wange mit einem leisen Flatsch auf die Matratze sackte. Dann träumte ich, mein Kind bekäme ein Kind, ich wachte rasch auf und schlief erst später wieder ein, um mich als Gast im Fußballstadion wiederzufinden.
"Merde" - "J'attend dix minutes" - "merdemerdemerde" - "elle n'est pas las" - "merde" - .....
Von Camilles Geschrei erwache ich aus meiner La Ola-Welle.
Fernand, ihr Mann, sitzt am Steuer des kleinen Autos, er sagt nichts. Seit er letzten Sommer die Gartentreppe hinunterfiel, sagt er überhaupt nicht mehr viel. Camille ist mit Anfang 70 viel jünger und rüstiger. Sie schlägt ihn jetzt nur noch selten.
Ich denke: Bestimmt was mit der Katze, was würde sie sonst so aufregen? Aber außer Merde und dass sie auf jemanden wartet seit zehn Minuten, verstehe ich nichts. Fernand versucht, den Wagen zu starten, aber nichts passiert. Jackie, die flotte Freundin vom Ende der Straße eilt herbei, stimmt ein, ihr Part ist versöhnlicher, Camille heult und schreit. Fernand soll aussteigen, das geht ihr viel zu langsam, sie setzt sich selbst ans Steuer, zwischen ihrer Brust und dem Lenkrad klemmt ihre Handtasche.
"Elle arrive", meldet Jackie nun, hurtigen Schrittes kommt die freundliche Schulbusfahrerin kantapper kantapper die Rue de la Poste herab.
Platztausch, "Elle est la", nur langsam verebbendes Geschrei, vereinzelte Merdes noch.
Als das Auto um die Ecke ist, beginnt der Kanalisationsbagger sein Tagwerk.
sopran - Do, 13. Jul, 08:41
Und dann schickt mir zum Ende des Tages jemand ein Lied in mein persönliches Internet: "Du heulst doch so gerne".
Isreal Kamakawiwo'ole
sopran - Do, 13. Jul, 01:30
Zur Zeit sehr beschäftigt mit Urlaubmachen. Morgens muss ich auf dem Markt Gmeüse (soschönes Wort) jagen, am Mittag den Töchtern beim Planschen zusehen, am Nachmittag mit den benachbarten Menuisieren Kaffee trinken und am Abend mit der Voisinentochter versuchen, ein Paddelboot zu versenken.
"Kann man eigentlich im Wasser aussteigen UND wieder einsteigen?", will sie wissen, also fahren wir ein Stück hinaus, um uns nicht den Kopf zu stoßen auf dem Grund. Der Waldsee wird schnell tief, aber lieber kein Risiko eingehen.
Erst sie, raus, rein, dann ich, raus, rein, kein Problem. Ging im Skiff ja auch, damals im Schülerverein. Jetzt beide, auf drei, Du rechts, ich links. Okay, sie vielleicht auf 2,9 raus, ich auf 3,1 gewartet. Als sie springt, nehme ich noch Anlauf, mental, da kippt das Boot schon, und als der Bug sinkt, fällt mir ein Fehlen auf. Das Fehlen eines Luftsackes.
Anders als das Ruderboot ist das Kajak sinkbar. Leichte Panik löst sich im Erkennen eines Vorhandenseins: Dem Vorhandensein eines abgeschotteten Hecks. Lufts genug.
Weitere Glücks: "Wie lenkt man eigentlich?" ruft die Drei, als sie ein Stück hinausgepaddelt ist.
"Ich will auch eine Schwimmwespe!" fordert die Vier.
Der holländische Biergartenwirt merkt erleichtert, dass wir außer Französisch (fließend Speisekarte) auch Deutsch (fließend Konversation) können.
Zurück vom See, die Kinder im Bett, finden sich auf der anderswoischen Terrasse der Mann, die wohlstgeratenen Nachbartöchter, der am Abend aus Chile gelandete Astro
nautphysiker, die Voisine zusammen zu Wein, Nostalgie und Gernhardt-Betrauerung.
Lufts genug.
Wassers gnug.
Glücks genug.
sopran - Do, 13. Jul, 00:49