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Freitag, 23. Juni 2006

Norbert Scheuer

Die Begeisterung von Nüchtern, Strigl, Rakusa, Radisch, Corino nehme ich persönlich. Der Sprachfehler von Scheuer fast unerträglich zu hören, Chwanzus Longus ohne Übertreibung, ich tippe auf eine Mischung aus einem Kieferorthopädischen Problem und spät weggezwungenem Dialekt. ch - sch ist für Prümer kaum zu überwinden. Ich weise hin auf die Kongruenz von Augsburger-Puppenkiste-Bühnenbild und Urmnelscher Logopädielehrstunde. Schusch und Wawa in Union.
Später werde ich ein Buch kaufen und für meine Mutter signieren lassen, vielleicht kann ich erzählen, dass wir von Au sind, und dann redet er Platt und alles ist gut.

Ich bin gerührt über den Text, alles so Eifel, so echt, Rakusa windet sich ein bisschen und sagt dann doch "authentisch", die Namen, die Orte, die Urft, die Gaststätte. Ich habe aber noch Zweifel, ob das jemand verstehen kann. Dass die Karte der Westeifel, die im Gastraum hängt, nochmal auf eine andere Heimat verweist, weil KallKeldenich nicht in der Westeifel liegt, wohl aber Prüm.

Nüchtern hat sich in den Text verliebt: Kein falscher Ton, zart, eine fremde Welt, "Ich bin begeistert", er strahlt, ich werde ihn in die Eifel einladen. Oder auf ein Pitburger Pilch.

Strigl mag die fachliche Genauigkeit, "Professor Corino hat das bestimmt recherchiert", Ebel wieder Nullchecker, schwafelt von Tatort, m"wir können ja mal unsere Lieblingstatorte austauschen" - Herr Ebel, kommentieren Sie hier doch mal rein am Montagmorgen.

"Hermann umwickelte den Schenkel eines Einfachhakens mit einer Wollfadenwicklung, kratzte mit einer Nadel eine schmale Rinne in das Gehäuse, bestrich den Wollfaden mit Kleber, schob das Gehäuse auf den Hakenschenkel, band hinter dem Hakenöhr einen Hechelkranz, stellte den Hechel hoch und zwirbelte ihn." Ich finde das Musik, schade, dass er diese Musik nicht singen kann, aber man darf halt nicht hinhören. Rakusa mag's auch: Sehr beeindruckend, sehr, sehr gut gearbeitet.

Dialoge hat er sich gespart, das ist Weise, er kann keine Dialoge.

Detering: freundliches Interesse. "Die Sprache außerhalb der Urft-Nomenklatur bleibt im Ungefähren". Hübscher Satz, ich werde es nochmal lesen, kann sein, dass er Recht hat.

Corino: "Der Homer der Eifel", er hat offenbar nicht Köder recherchiert, dafür aber die anderen Bücher von Scheuer gelesen. Corino hat eine wichtige Rolle eingenommen, er soll bleiben, Miller kann sich noch was erholen. Plausibilität allein macht auch noch keine Literaturkritik, aber in der Runde hat so einer gefehlt.

März gefällt es nicht. Sie liest was in der Vergangenheitsform vor und will damit klar machen, dass es dann Scheiße ist. Scheuer hat es aber nun mal im Präsens geschrieben. Strigl striglt sie dafür später. "Die Gegner des Textes arbeiten mit unlauteren MItteln".

Spinnen nämlich auch. Wenn das in der Toskana wäre und die Köder Orangensorten, würde es uns nicht gefallen. ??? Das sie immer so, Brücke, Gaststätte, Altersdemenz... "Dass etwas ist, wie es ist, ist nicht Aufgabe der Literatur zu zeigen." Radisch findet das doof und quatscht dazwischen. Endlich mal Streit, die Jury ist insgesamt etwas kreidesatt in diesem Jahr.

Radisch hat ihn eingeladen und tut ihre Pflicht: "...so tief in seine Landschaft eingelassen, dass er mit diesem Kasperleprovinzpossenspiel, das Herr Spinnen hier sieht, nichts zu tun hat."

bachmannpreis tage der deutschsprachigen literatur klagenfurt 2006 ingeborg-bachmann-preis

Hanno Millesi und ein bisschen Claudia Klischat

Hanno Millesi wird in seinem Filmchen mit Selbstverständlichkeiten angepriesen. Er feilt am Text, er recherchiert, er nimmt seine Umgebung wahr, er findet seinen Stoff in dem, was Leute erzählen und was er in den Medien sieht. Sehr besonders.

Wochentagsüber ist der Titel, ist das idiomatisch? Wenn nicht, ist es hübsch ausgedacht. Die Geschichte kommt mir irgendwie Wolfdietrich Schnurre vor, der Ich läuft tagsüber durch den Park und sinniert über die Vögel, damit den Eltern nicht auffällt, dass er von der Schule geflogen ist, dann stellt sich heraus, dass der Vater auch nicht mehr in die Bank geht und eine ähnliche Legende pflegt. Nett, ein Topos, tausendmal geschrieben, macht nichts. Wenn es gut wäre. Den ersten Sprung vom Park aus dem Einkaufszentrum finde ich ganz nett, aber unter der Prämisse, dass da ein Schüler denkt, ist der Stil total daneben.

Ich mache einfach Werbung für das Buch von Claudia Klischat, ich hab das irgendwo unten beschrieben, sie beschreibt so perfekt das Herumgedenke eines fehlgeleiteten 17-Jährigen, die Mühe macht sich Millesi gar nicht, Das ist Jung-Akademiker, Schriftsteller, das ist mutmaßlich: Millesi.

(Den Text von Klischat habe ich noch nicht nachgelesen, beim Überfliegen und Hören war ich enttäuscht, dass sie sich offenbar nicht mehr so nah an die Figur herangetraut hat, wie an die Figuren in dem Buch.)

Die Jury merkt es übrigens. Corino hat sich erkundigt, ich möchte ihn heiraten, er hat sich als einziger ordentlich vorbereitet, das kann nerven, er schwingt die Plausibilitätskeule, das nervt wahrscheinlich die anderen, ist aber korrreckt. Dass Strigl jetzt Recherche auf einmal nicht so wichtig findet, ist liab, ist ja ihr Kandidat. Aber der hat im Vorstellungsfilm auf Recherche herumreiten lassen.

Pferd tot.

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Paul Brodowsky, Aufnahme

hat mir mit "Milch Holz Katzen" ganz gut gefallen, halb- bis eineinanderthalbseitige Texte, die sich mit Wänden, Igeln, Sachen befassen. Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn jemand sich keine Handlung ausdenken mag, dann tut er es halt nicht und schreibt so, wie er kann.
Für Klagenfurt hat Brodowsky sich eine erblindende Fotografin ausgedacht, das ist so "Liebende von Pont Neuf", so Beethoven so alt und lahm und schade. Ich stellte ihn mir nach Milch Holz Katzen vor als Autor, der zügig was schreibt und dann nur noch kürzt, kürzt, kürzt, und das ist gut. Sollte er bei bleiben, lieber Igel.

Umgekehrt vielleicht bei Clemens Meyer, der hier ziemlich polterig auftritt. Er war gestern Abend im Scotch Club und trägt zu eseinen bunten Tätowierungen ein demodées Hemd in einer Farbe zwischen Lachs und Citron. Ich habe das Buch noch zu Hause bis etwa zur Mitte gelesen und fing dann an, eine Entwicklung zu vermissen. Er schreibt sehr raumgreifend und tritt auch als Person so auf. Soll sich so ein Autor darauf einlassen, einen Halbstundentext zu schreiben?

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Dirk von Petersdorff: Anfang

wurde von Detering eingeladen. Detering ist Vater geworden oder es steht bevor, anders ist das nicht zu erklären. Ein ironiefreier Schwurbel über die eigene Vaterwerdung, ich vermute, P hat nur ein einzelnes Baby, keine Zwillinge, das ist dann die fiktionale Komponente, und wahrscheinlich kann er selber gar kein Heideröslein singen, würde es aber gern können.

Ich gehe nach den ersten Sätzen hoch ins Theater, weil ich die fassungslose Gesichter sehen will, Julies gehört dazu, aber das bleibt vorsichtshalber unten sitzen. Im Publikum ein paar vollreif gebärfähige Frauen (also mutmaßlich Mütter), die fremdschämend irgendetwas suchen, in das sie beißen können. Ein Ärmel bietet sich an.

Texte, die jemand im Zustande von Übermüdung und (auch väterlichem) Gluttermück schreibt, sollten erst veröffentlicht werden, wenn sie vierzehn, fünfzehn Jahre in einer Schublade ruhten und dem Autor dann immer noch wert sind. Aber ich kenne ja auch Momente, in denen ich die Babyklappe bis zur Volljährigkeit befürworte. Dass Hormone irgendwie geisteskrank machen können, weiß jeder, der sich - streng wissenschaftlich - mit Pubertät oder Wochenbett oder PMS beschäftigt. Seit Väter glauben sollen, sie gebüren mit, weil sie im Kreißsaal im Weg stehen, leiden sie auch unter den hormonellen Begleiterscheinungen.

Nach dem, was Radisch vor ein paar Wochen in der Zeit so klug über das Mutter- und Vaterwerden geschrieben hat, hätte ich gedacht, sie schlachtet ihn, tatsächlich hat sie gerade einen Eisprung, sie findet's super. Nüchtern: "Grandios gescheitert" und (sagichdoch:) "Kinder machen doof." Als Corino anhebt, weiß ich, bevor er es sagt, dass er vor kurzem Großvater geworden ist. Er schämt sich nicht, kleine Geschichtchen von seinen Enkeln zu erzählen, die, wie wir jetzt wissen, in Washington leben, was besonders anspruchsvoll zu sein scheint.

Spinnen findet nicht nur den Text, sondern auch "den Vater unsympathisch", und wer in diesem Moment in Petersdorffs Gesicht sieht, verliert letzte Ironiephantasien. März hat es nicht getan, ihr Ironiedar schlägt falsch positiv aus.

Es ist unerträglich.

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Claudia Klischat: Stillstand

Sopran: Paralysiert

Neun Uhr nach dem Bürgermeisterempfang schon arg früh. Michaela Monschein hatte den Empfang heuer auf den Donnerstag vorverlegt, damit keiner der Autoren sich am Abend heimlich für die Lesung schonen kann. Führt auch zu mehr Gerechtigkeit, weil die Jury schon am zweiten Morgen benebelt ist.

Ungeduscht auf dem Hotelbett versuche ich am brüchigen Internet die Lesung von Claudia Klischat zu verfolgen, geht aber nicht. Schade, von dem, was ich gelesen hatte, gefiel mir ihr Buch am besten.

Statt im Rathaus fand der Empfang ein paar Kilometer bergauf im Schlösschen statt, sehr üdillisch, der Shuttlebus fuhr schon um eins zurück, aber wir waren leider mit dem Fahrrad da, und Getränke gab es auch noch. Nach Kaffee und Waldabfahrt dann einerseits unentschlossen, andererseits wach genug für eine Dosenbierparty (Strigl-Bier) am See. Rüberwehung der 80er 90er Vorhersehbarstertanzmusik, wohl von der After-Show-Party für Montserrat Caballé.

Und jetzt versuche ich nochmal, Verbindung zur Diskussion über den Text zu bekommen.

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