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Dienstag, 6. Juni 2006

Andreas Merkel: Das perfekte Ende

Ein Berlin-Roman, 151 Seiten im Großdruck. Absätze: Jede Menge. Punkte: Jede Menge. Von 2002, vielleicht inzwischen erwachsen geworden. Dicker Student aus Kiel wird von seiner Ex-Freundin nach Berlin eingeladen, trifft aber erstmal nur ihren Neuen, einen Musiker.

Merkel zitiert auf Seite Null David Bowie und Thomas Bernhard, nach den ersten 21 Seiten kommt mir das anmaßend vor. Holzfällen! Vielleicht im Zitatenschatz des Internets nach "Großstadt" gegooglet?

Ich gebe aber so früh noch nicht die Hoffnung auf, dass sich die Ironie noch einstellt. Also: Ein bisschen mehr Ironie, irgendwas META. Kassette aufnehmen für ein Mädchen, das meint der natürlich nicht ernst und der Aufnehmer findet es nachher auch blöd, aber das reicht nicht. Zu platt.

Die Kapitel heißen Prolog und Eins und Zwei, wahrscheinlich auch Drei und Vier, aber bis da komme ich nicht, ich ahne es schon am Anfang.

Zwei fängt an mit Berlin-Schlüsselreizen: Ostkreuz, die Plattenbauten Friedrichshains, später: Gedächtniskirche, mehrere McDonalds. Platte.

Die zweite Hauptfigur, "Willberg", hat eine Statistenrolle in einem Stalingrad-Film, da gab es auf der taz-Wahrheit-Seite mal einen Text, aber der war doch nicht von ihm?

Hunger bekomme ich ab Seite 23, aber ich kann jetzt schlecht ins Haus gehen und die Cellolehrerküche durchsuchen. Auf dem Esstisch sah ich eine kaum angebrochene Packung Mozartkugeln, aber die könnte den Kindern gehören, dann wären die Kugeln abgezählt.

Die Sprache ist ... nachlässig. Mich beleidigt, dass mir durch kursiv vorgeschrieben soll, welche Wörter ich beim Lesen betonen soll. Soll er halt so schreiben, dass ich auch so merke, was ihm wichtig ist. Bin gespannt, was er für ein Vorleser ist, vielleicht so ein "Schülervorlesewettbewerb"-Betoner.

Ich mag nicht weiterlesen, die Geschichte interessiert mich nicht mehr, ich muss dauernd Notizen machen, damit ich nicht weiterlesen muss, dann schau ich mich im Garten um, am Wäscheständer vier Jeans in je einer Größe. Wenn es anfängt zu regnen, was passieren kann, wird der Cellolehrer rauskommen und die Wäsche abhängen.

Ich denke an die Mozartkugeln.

Der Ich heißt Kristofer, ich denk, immer diese Namen, die irgendwie glitzy sein sollen, Andreas würde besser passen, aber Kristofer ist der Nachname.

Mozartkugel ade, gerade ist die Tochter heimgekommen.

Das Buch ist von Amazon, Neupreis 2,95 Euro, portofrei, Wiederverkaufspreis z.Zt. 12 Cent, auf Seite 30 kleben zwei kleine Insekten auf braunen Flecken.

Ich lese jetzt noch weiter, bis er diese Lou trifft, seine Ex-Freundin.

Berlin-Roman: Für mich persönlich uninteressant. Vielleicht habe ich auch bloß eine Abneigung gegen verlassene Männer.

Anfang:

Prolog Ein halbes Jahr, nachdem sie mich verlassen hat, ruft sie an und lädt mich nach Berlin ein.

Neue Rechtschreibung.

bachmannpreis tage der deutschsprachigen literatur klagenfurt 2006 ingeborg-bachmann-preis

Warum ich United 93 nicht sehen werde

Anke Gröner schreibt sehr lesenswert über "United 93". (Nichts gegen Golf, aber...)

Die einstürzenden Türme blieben mir fern.

Früher war ich ein Fan von trashigen Flugzeugabsturzfilmen. Menschen treffen am Flughafen ein, verabschieden sich, telefonieren, man lernt sie ein wenig kennen, und das Spannende am Film ist: Wer von denen wird überleben, denn immer überleben welche. Ein Flugzeug fällt in die Everglades, in den eiskalten Potomac, auf einen Andenberg... Einer wird zum Helden, zum Beispiel der Passagier, der seine eigene Pilotenlizenz wegen des Suffs verlor. Immer überleben Menschen. Sonst würde keiner das sehen wollen.

Meine (nicht sehr ausgeprägte) Angst vorm Fliegen kommt aus der Idee, dass es sich so besonders dämlich anfühlen muss, in einem Moment zu wissen, dass ich jetzt abstürze, aber doch noch viel Zeit bis zum Aufprall habe. Das kommt mir so zwangsläufig vor, und weil ich nicht wissen will, wie und wie schnell ich sterbe, habe ich vorm Autofahren weniger Angst, obwohl statistisch aber das weiß ja jeder.

Die Menschen in den Flugzeugen begleiteten mich in meine Träume. Nicht, weil sie am Ende tot waren, dann hätten mich auch die anderen Toten verfolgen dürfen. Sondern weil ich bereit war, mir diese Zeit des Wissens vorzustellen. Zeit, zu kurz, um zuende zu leben, aber Zeit, eine SMS zu schicken oder jemanden anzurufen. Und Zeit für Helden.

Ein Flugzeugabsturzfilm, bei dem nicht für einen einzigen Menschen die geringste Hoffnung besteht, das ist mir zu grausam. Es reicht mir schon, über die grausame Wirklichkeit zu lesen.

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