Claudia Klischat: Morgen. Später Abend
Drei Geschichten, die miteinander zu tun haben. Tom oder Ben hat die Nacht betrunken mit der älteren Babs Stanebein verbracht und irrt am Tag durch Leipzig. Mehr verrate ich nicht.Hauptsatz an Hauptsatz. Durch Komma-und oder einfach Punkt getrennt. Keine Absätze. So denkt dieser Tom oder Ben umher. Mal sehen, ob die anderen Figuren auch in Hauptsätzen denken. Nein, das ist bestimmt dessen eigene Sprache. Ich habe heimlich vorgeblättert und gesehen, dass es später auch Absätze geben wird, das ist beruhigend.
Ich frage mich, ob sie in Klagenfurt einen Text mit oder einen ohne Absätze lesen wird.
"Da ist überhaupt nichts drin. Gar nichts ist da drin, und ich wundere mich, warum da nichts drin ist. Da kann man doch auch etwas reinlegen. In so eine schöne Schublade kann man doch etwas reinlegen. Aber da ist nichts drin. Und ich schiebe die Schublade wieder zu, und ich ziehe meine Rotze nach oben. Ich habe meine Rotze nach oben gezogen, und trotzdem schneuze ich mich jetzt in die Bettdecke. Ich schneuze mich in den Bettzipfel, und ich weiߟ, daß man das nicht tut. Aber ich tu es."
Hunger habe ich noch nicht.
Die vielen einsilbigen Vornamen find ich beim Klappentextlesen noch doof, aber auf Seite 44 traue ich ihr schon zu, sich was dabei gedacht zu haben. Wer Hauptsätze mit und reiht, sollte auch vorreformatorische Kommata verwenden. Das nimmt mich für das Buch ein. Auch wenn ich lieber Fluss statt Fluß lese und das Beharren auf den alten Regeln albern finde. Ich such mir halt die raus, die mir gefallen, von Fall zu Fall. Zufall.
Bei Seite 65 mache ich mir anlässlich der ersten Absätze ein Matjesbrötchen. Der Ich ist irre, schizophren, das nervt langsam, ich will raus aus dem Buch, aber das heißt auch, dass ich drin bin. Wenn ich das Buch jetzt weglege und was Anderes tue (arbeiten, kochen, Bilder belichten), werde ich es wahrscheinlich nicht mehr weiter lesen. Schlüsselstelle heißt das beim Klettern. Ins Seil fallen lassen oder die ganze Seillänge schaffen. Ich schaue auf die Pfingstrosen, die kleinen Racker lassen sich einfach nie erwischen beim Explodieren. Das ist wie warten-dass-die-Milch-kocht. Tom denkt kreuz und quer, anders als der Leser kann er das Gedachte aber nicht verbinden oder auch nur behalten. Ich war noch nie schizophren, aber könnte so sein.
San wohnt in der Karl-Heine-Straße in Leipzig-Plagwitz, das gefällt mir, weil das die einzige Leipziger Straße ist, mit der ich etwas verbinde.
Im zweiten Teil ein jugendlicher Ausreißer (Freizeitarrest), der in Toms bayerischem Heimatstädtchen landet und am Ende mit besseren Vorsätzen zurückkehrt. Auch eine Vatergeschichte, in deren Verlauf auch die Tom-Geschichte mit Sinn gefüllt wird.
Veit, das Ich des zweiten Teils, denkt mit drei Punkten... Irre geleiteter Pubertierender, und weil ich gerade selber einen irregeleiteten Pubertierenden in der Familie habe, kann ich das beurteilen: Das ist sehr gut dargestellt, wie der nicht kann, was er will, zwischen Einsehen und Trotzen. Ich wünsche mir eine Lösung, etwas schlicht Erzähltes, etwas Auktoriales. Zur Erholung. Kriege ich aber nicht. Seite 154.
"Ich hatte mir gewünscht, jemand würde mir ins Gesicht schlagen... diese Wiederholungen wie zu Hause... die alte Dame... die Tasche aus Krokodilleder... meine Mutter... mag sein, daß ich mit all dem hier und dort (...) ablenkte oder verfranzte, verzettelte, wohin nur?"
Das ist weiterhin anstrengend zu lesen, aber das soll so sein, das Anstrengende ist, sich in den Köpfen dieser Irren (Schizophrenie, Pubertät...) zu befinden, und da bringt sie mich ziemlich gut hin.
Im dritten Teil versucht Babs Stanebein, Toms One-night-stand vom Anfang, einen Antrag beim Arbeitsamt abzugeben.
Ich atme auf, es geht erstmal langsamer los, Babs Stanebein darf in der dritten Person erleben, Distanz, Danke, endlich raus aus diesen irren Köpfen, Luft raus, weil aus dieser Frau auch die Luft raus ist. Absätze Fehlanzeige, die Sätze fangen mit da an oder mit und, aber manche auch ganz anders, erlösend. Für die kurzen Hauptsätze im ersten und die Punktpunktpunkte im zweiten Teil hat sie alle Punkte verbraucht, für den dritten Teil stehen aber noch jede Menge Kommata zur Verfügung. Passt.
Seite 204.
"...daß sich da so viel angesammelt hat über die vielen Tage, daß ihr das die Tage nicht aufgefallen ist, diese Unordnung, eine Verwahrlosung ist das in der Wohnung, und in Babs Stanebein steckt auch eine Verwahrlosung..."
Sie trinkt ein paar Schnäpse, die unds werden zahlreicher, die Sprache nähert sich dem Schizophrenen vom Anfang, mit dem sie, wir wir schon wissen, sie aber nicht, die Nacht verbringen wird.
Seite 279 liege ich auf dem Sofa, bin mit dem Kissen runtergerutscht, Kinn auf der Brust, und versuche, mit der Zunge die Kugelschreiberspitze vom rechten in das linke Nasenloch zu transferieren, aber der Kugelschreiber kippt um und rollt über meine linke Brust zwischen die Sofakissen. Babs Stanebein ist sehr ermüdend, ich muss zwar nicht in ihrem Kopf sein, aber doch anstrengend nah dran. Ich bin froh, dass das Buch auf Seite 287 endet.
Und ich bin froh, dass ich es gelesen habe.
Sprachlich sehr konsequent, jede Figur hat ihre eigene Sprache, durchkomponiert, sauber und dabei anstrengend, schmerzhaft. War zwar kein Vergnügen aber gut. Ich danke der Autorin dafür, dass wenigstens die zweite Geschichte ein versöhnliches Ende hat.
Ich rate vorsichtig: Vorgeschlagen von Spinnen oder März. Ich denk nochmal drüber nach.
Anfang:
Einen Fuß vor den anderen Fuß gesetzt und die Hände auf dem Rücken verschränkt und in den Himmel gesehen und vielleicht gedacht, könnte doch da etwas vom Himmel fallen, und wieder auf den Boden gesehen und den Fluß entlanggelaufen und irgendwann in den Fluß gesprungen, kopfüber, bilde ich mir ein. Am fünfundzwanzigsten November bilde ich mir ein, mein Bruder Ben ist tot.
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sopran - So, 4. Jun, 17:20


