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Donnerstag, 27. April 2006

Nachbarschaft

Manchmal trat er die Haustür ein, wenn er seinen Schlüssel vergessen hatte. Seine Schwiegermutter, die Vermieterin, ließ das dann schnell reparieren. Ihre Tochter wohnte wieder bei ihr, ein paar Straßen weiter. Einmal pisste er ins Treppenhaus. Eine zeitlang war er weg, so lange zog die Frau wieder ein. Therapie statt Strafe reimte ich mir zusammen, was meine Freundin mir erzählte. Die wohnte unter dem Mann.

Im Frühling war er wieder da. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, pöbelte er manchmal aus dem Dachfenster auf ihren Balkon hinunter. Sie bat mich dann, leiser zu sein. Oder wir setzten uns doch in die Küche. Einmal muss er in ihrer Wohnung gewesen sein, als sie die Wäsche in den Keller brachte.

Angst wollte sie nicht haben, da hätte sie ja nur noch ausziehen können. Da wollte ich ihr auch nicht erzählen, was das für eine Scheißmischung ist, Alkohol und Drogen und Gewalt gegen Sachen. Nach zwei Jahren Gerichtsberichterstattung hatte ich das schon gelernt. Typische Laufbahn. Alkohol, Tabletten, Sachen kaputtmachen, jahrzehntelang. Dann einen Hund aus dem Fenster werfen. Und ein paar Tage später die Nachbarin tottreten. Oder wer dann gerade da ist.

Aber der pöbelte doch nur vom Balkon runter.

Ein paar Wochen später fing er an, sie direkt zu beschimpfen. Von oben. Im Treppenhaus, vor ihrer Tür. Zwei mal rief sie die Polizei, dann wurde er mitgenommen und am nächsten Morgen wieder nach Hause geschickt. War ja nichts passiert. Sie lud jetzt öfter mal Leute ein am Abend. Um nicht allein zu sein. Vielleicht auch, damit wir ihr glaubten. Oft lag Müll vor ihrer Tür, zerrupfte Pizzakartons, das Altpapier vom Treppenabsatz. Die Frauen vom zweiten Stock kamen manchmal hoch, tranken ein Bier mit, bis der Mann Ruhe gab.

Am einem Abend im Juni hatten wir in Köln Operettenprobe. Ich holte sie ab, mit dem Cabrio. Bescheuert, auf der Autobahn offen macht überhaupt keinen Spaß. Ich muss dir was erzählen sagte sie. Nach der Probe am Vorabend hatten wir in Bonn noch was getrunken, bevor ich sie zu Hause absetzte. Sie erzählte ein bisschen ausschweifend, bis Wesseling war der Nachbar noch kaum aufgetreten. War ja auch anstrengend gegen den Fahrtwind. Am Verteilerkreis hatte sie schon die Polizei gerufen. Ich: „Hat Dich der Kleinlothar wieder gerettet?“, der wortkarge Polizist aus dem Chor war schon zwei Mal auf Streife zu ihr geschickt worden. „Ja, wart mal“, sagte sie. Der „Klein, Lothar“ hatte sich einst mit genau diesen Worten dem Chor vorgestellt. Fast zwei Meter groß und deutlich über 100 Kilo schwer, eine beruhigende Erscheinung.

Sie hatte schon die Kontaktlinsen rausgenommen, da fing das Geschrei im Treppenhaus wieder an, Fotze, ich mach dich fertig, komm raus. Trat ein paar Mal gegen die Tür, ging weg, kam wieder.

Stau auf der Bonner Straße.

Kam also der Kleinlothar mit einem Normalgroßen, sie hatte sich wieder was angezogen. Brille zum Beispiel. Der Kleinlothar wollte den mitnehmen, aber der ist dann hoch in seine Wohnung… tat der eine Polizist dies, der Kleinlothar das, dann kam noch die Nachbarin von unten… Der Kleinlothar hinterher nach oben, sah er den erst nicht…

Ich fing an, einen Parkplatz zu suchen. Zehn vor sechs.

„Und dann“ – ich parkte rückwärts ein – „ist der mal eben aus dem vierten Stock in den Vorgarten gefallen. Als sie ihn wegbrachten, lebte er noch. Aber nicht so sehr."

Wir schafften es noch, bei Esprit gegenüber jeder ein Kleidungsstück anzuprobieren und zu kaufen, zu bezahlen (sie), bei Campi zwei Bier zu bestellen (ich), auszutrinken und Punkt sechs eingeatmet auf der Bühne im großen Sendesaal zu stehen (beide).

Sie sagte nicht viel darüber, später mal, er sei praktisch am ganzen Körper gelähmt und auch nichts zu machen. Einmal: „Der kommt wieder, da war ein Handwerker, der hat was gemessen, die wollen bestimmt einen Aufzug einbauen.“

„Nach langem Leiden erlöst…“ stand ein Jahr später in der Zeitung. Weiß nicht, ob sie es wusste. Wahrscheinlich. Ich habe nichts gesagt, sie war eh scheiße drauf in dem Sommer. War mir nicht sicher, ob Angst oder Schuld sich größer anfühlte.

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