Frühling 1986
Abiturfahrt nach Mecklenburg. Mit meinen Leistungskursen (Deutsch, Bio) konnte ich egal wo mitfahren. Für DDR entschied ich mich, weil die Fahrt nicht so teuer war. Letzteres reiner Dünkel, natürlich hätten meine Eltern auch Surfen in Spanien bezahlt, aber die Surfen-in-Spanien-Fahrt lehnte ich in meiner jugendlichen Sauertöpfigkeit ab. Vor allem aber war es die kürzeste Fahrt. Die DDR ließ uns nicht länger rein. Drei Tage kürzer von M. getrennt. Am 29. April fuhren wir los, morgens um sieben.Wir waren nur zu siebt, fünf Schüler, Herr Hahne und Roooth, die Englische Praktikantin. Als wir den kleinen Bus bestiegen morgens um sieben, lief WDR 2. Es sei etwas passiert in der Ukraine. Nichts Genaues. Es folgten Verhandlungen mit dem Busfahrer über die einzulegenden Kassetten. Susanne (yep, Sternchen-Susanne) hörte eh nur Klassik, mit der hätte ich mich einigen können. Was ich sonst hatte, war von meinem Bruder (Simple Minds, The Smith, Peter Gabriel) oder von M. (Jan Garbarek, Keith Jarrett), das hörte ich alles lieber allein. Der Busfahrer hieß Mampfred und mochte Schlager.
Wir verließen das Sendegebiet des WDR nach Norden. Eine fernsehfreie Nacht in Ratzeburg, dann Schwerin. Eine Woche Sonne und Sozialismus. Erster Mai.

Einmal fragte uns einer, wisst ihr, was da los ist, "irgendwo in der Ukraine". Es sei eine Notiz in der Zeitung gewesen, „dass da überhaupt was steht – dann muss es wirklich was Großes sein.“ Auf der Autobahn sahen wir ein paar Kleintransporter mit Radioaktivitätszeichen hinten drauf. Waren sowieso seltsame Sitten dort, wunderte uns das auch nicht.
Zurück in Ratzeburg tat ich den pflichtgemäßen Anruf zu Hause. Meine Mutter ziemlich aufgeregt. „Rhein in Flammen“, das große Feuerwerk, immer am ersten Maisamstag. Da kam ein Gewitter, und die Leute sollten doch aus dem Regen, die Panik, die Kinder.
Ich war froh, dort gewesen zu sein, wo Radioaktivität von Staats wegen verboten war. Weiter weg von Tschernobyl war nur, wer näher dran war.
Tagebuchextrakt: Mein Bruder und ich gründeten den Verein zur Verglimpfung der Deutschen Sprache. Ich verkaufte mein Pony und konnte mir ein neues Rennrad leisten (altes gestohlen). H. bekam zum Geburtstag Trill (mit Jod S11-Körnchen). Ich sah „Birdy“ im Kino. Meine erste 100-Kilometer-Regatta (Leiden-Delft). Blutspenden. Vorsingen für eine Hauptrolle in der Dreigroschenoper (abgelehnt wegen mangelnder Schauspielbegabung).

Und M., immer wieder M. Ich war sehr glücklich. In der Erinnerung scheint im Frühling 1986 immerzu die Sonne.
Meine größte Einschränkung war diese beschissene H-Milch.
(Die ersten Nachrichten darüber kamen hier wirklich erst am 29. April an, entnehme ich diesem Link, den ich bei miagolare mitgenommen habe.)
sopran - Mo, 24. Apr, 20:57


