23.15 Uhr, WDR3, "Das Millionenspiel" (Wolfgang Menge, Tom Toelle) von 1980.
sopran - Do, 6. Apr, 22:56
Apropos Gehbehinderte, wenn ich ein paar Tage nicht unter Leute komme, beginne ich zu humpeln, einen Hüftschaden oder ein steifes Bein zu simulieren, das linke Auge zufallen zu lassen (mit dem Rechten kann ich's nicht) oder den rechten Arme leblos herunterbaumeln zu lassen. Immer nur eins auf einmal natürlich, sonst kommt man ja nicht vom Fleck, immer nur für ein paar Minuten, und wenn ich im Auto sitze ist alles wieder in Ordnung.
Ich habe das als Kind ständig getan. Häufig im Bett , an manchen Morgenden (scheiße, kann mir mal gerade einer den Plural von Morgen sagen, wie sieht DAS denn aus?), an manchem Morgen, wenn sich ein entsprechender Traum ins Aufwachen mogelte, brauchte es eine lange Zeit und große Entschlusskraft, irgendwann doch mal das erste Glied zu bewegen. Spontanheilung!
Mit elf wechselten Julia und ich uns tagelang mit Blindsein ab. Es war Sommer, es waren Ferien, wir durchstriffen den ganzen Stadtteil am Arm der Freundin, gegen Mittag wurde gewechselt. Niemals machte eine von uns die Augen auf, nicht, wenn ein Auto kam, nicht, wenn ein Schatten kam. Wir brauchten keine Augenbinde, wir waren einfach blind, bis einem langweilig wurde, und das konnte ein paar Stunden dauern.
Unverzeihlich, dass ausgerechnet ich einen Moment nicht aufpasste, als Julia auf das Schild zuging. Sie hatte eine Beule auf der Stirn und verzieh mir sofort. Ich mir nicht, obwohl ich ihr doch auch verziehen hätte.
Wenn ich dauerhaft allein wäre, ausgesetzt in einer fremden Stadt, würde ich wahrscheinlich zu träumen beginnen von einem Sortiment an Augenklappen, Gipsschienen, Krücken. Natürlich diese ypsilonigen, die man unter die Achsel klemmt. Einen Veitstanzkurs absolvieren und Braille lernen.
sopran - Do, 6. Apr, 12:19
für diesen blaukalten Tag ist es, wenn die ersten Powerwalker, die mir am Morgen entgegenkommen, ganz normale Gehbehinderte sind.
sopran - Do, 6. Apr, 11:04
Vor der Chorprobe bastel ich hastig zusammen, was mir ausreichend nahrhaft (= macht satt und dick) erscheint, zwei Scheiben eckiges Körnerbrot, die gute Benedicta-Mayonnaise aus Frankreich auf die eine Scheibe, giftgrüner Estragonsenf auf die andere (Merken: nächste Woche nachkaufen: Benededicta und giftgrüner). Dazwischen eine halbe Avocado, paar Tropfen brauner Essig.
Ich bin sehr beschäftigt auf der kurzen Fahrt, die Stulle, das Schalten, das Kurven. Tropf. Nicht auf die Hose. Lieber aufs Lenkrad.
Wie die Avocado auf chilenisch heißt, will ich sofort wissen. Avocado heißt Rechtsanwalt. Oder Abogado? Ich musste einen Beruf angeben auf dem Einreisezettel. Avvocado? Ich schrieb Avocado und dachte, sie lachen mich aus. Wie den Fzwo, der unbedingt seinen halben Müsliriegel deklarieren musste. Als ich noch über das Dinkelkissen nachdachte: Saatgut. 36 eher zufällig zusammengewürfelte Menschen mit nun ja, unterschiedlicher Abenteuer- und Gruppenreisetauglichkeit, durch Chile zu bringen, darüber hatte ich schon in der Woche vor Abflug vier Kilo verloren. Zumindest waren wir nach dem Start nicht in den Messeturm geflogen, da war Aufatmen im Flugzeug, Anfang Oktober 2001.
"Ich frag gleich den G", dachte ich, als ich die zweite Hälfte Avocadobrot einschob. Als wüsste der das. Er hat ja immer mich gefragt, zwei Wochen lang täglich und auch später noch oft. Jeden Tag Avocado und Koriander ("Cilantro", das weiß ich sofort). Kartoffel heißt Papa. Rineta und Congrio hießen die Fische. Als ich am Probenraum einparke, sehe ich ihn die Zigarette ausmachen und denke.
Palta.
sopran - Do, 6. Apr, 08:09
Wenn ich chorsinge, dann will ich, da lacht blöd, höhö, eins werden mit dem Dirigenten. Jetzt eher nicht so körperlich natürlich, bis auf eine Ausnahme eventuell, und die Ausnahme, ach egal. Höhere Ebene natürlich, blabla. Schau ich also nicht in die Noten sondern nur auf den, der da vorne steht, und wenn der oder ausnahmsweise die da ordentlich Musik macht, dann mache ich das auch. Als Chorsängerin liege ich gewissermaßen unten, jetzt auf dieser höheren Ebene, Wachsinhänden, wenn sies Wert sind, rein musikalisch natürlich. Versteht sich. Soll uns bloß keiner stören, uns beide.Etwa, indem er anders falsch singt als ich. Ich kann ja höchstens mal von der Partitur abweichen, aber niemals falsch singen, ich bin ja Eins, ist also eh immer Dirigierfehler, wenn ich mal mit dem Tenor einsetze.
Früher sang ich mal bei einem, der wagte es, die "Soprani" beim Üben eingeatmet bis unter den Beckenboden mit aufgespanntem Zwerchfell vor der hohen Stelle abzuwinken, da blieben wir frustriert zurück. Dass das nutzlos aufgespannte Zwerchfell und die fünf Liter Luft dann zum Flüstern und Hüsteln und Lästern und Giggeln genutzt wurden, machte es auch nicht besser.
sopran - Do, 6. Apr, 01:10
Ich lese private Weblogs, weil ich gerne anderen Menschen beim Leben zuschaue. Manche sind sympathisch, andere gut geschrieben (manchmal, oft, immer), oder sie sind sympathisch und gut geschrieben. Ich abonniere die, bei denen ich nichts verpassen will.
Wenn ich jemanden kennen würde, der ein Weblog führt, aus der Kohlenstoffwelt kennen, nicht aus diesem Internet, dann würde ich dessen Weblog lesen. Ob es mir gefällt oder nicht. Keine Eitelkeit, kein Trotz, keine Langeweile könnte größer sein als meine Neugier.
Die Neugier treibt mich sogar regelmäßig in Weblogs, die ich nicht ausstehen kann, und deren Schreiber ich nicht kenne, warum tue ich das bloß? Das eine lese ich, weil ich 8888888888888 (= Versuch, ein Stückchen Avocado aus der Tastatur zu lecken) möglicherweise Leute kenne, die der Autor auch kennt oder auch nicht, wer weiß, oder ich könnte was erfahren, was ich wahrscheinlich gar nicht wissen will, das andere, weil es mich so anwidert, wie Menschen ihr ganzes erbärmliches Liebesleben vor mir ausbreiten. Ich würde beide nie abonnieren, weil ich sie furcht-bar finde, aber trotzdem schaue ich alle paar Tage rein und bin für einen Moment ganz verzagt, einerseits, weil immer noch alles beim Alten ist, der nölige geistlose Ton, der Sexismus, die Erniedrigung, die Einfallslosigkeit, andererseits über mich. Warum kann ich nicht einfach mal wegschauen? Ich geh an so vielen ziemlich schönen Weblogs achtlos vorüber, nur weil ich nicht mehr aufnehmen kann. Nur diese beiden, die ziehen mich an. Bescheuert.
Es hat nichts erhebendes, ich fühl mich nicht mal besser als die, ich schäme mich und hoffe, dass niemand mit derselben erbärmlichen Neugier bei mir liest. Für mich noch ein Grund, nicht zu offen zu sein.
Das hebt die Ödigkeit der eigenen Texte.
(Und habe überhaupt kein Verständnis, ja, bin eigentlich beleidigt, wenn jemand, der mich kennt und von diesem Weblog weiß, NICHT darin liest, selbst wenn es ihm nicht gefällt. Vielleicht aber bloß nicht so ein Charakterschwachmat wie ich.)
sopran - Do, 6. Apr, 00:21