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Donnerstag, 30. März 2006

Der Morgen am Amtsgericht

Um zehn bin ich im Gericht, einem fiesen Nebengebäude, keine Sicherheitskontrolle. Ich habe eineinhalb Stunden gebraucht, eine gute halbe Stunde länger als sonst. Zwei Männer sitzen vor dem Saal, das lässt auf einen schnellen Termin hoffen, geladen sind zehn Zeugen, sechs vom Kläger, dem Gegner, vier von "uns" benannt. Die "Beklagte zu 2" (die Autohaftpflicht) hat für jeden ihrer Zeugen 100 Euro Auslagenvorschuss eingezahlt.

Drei Stunden dauert der Termin schließlich. Alle zehn Zeugen erscheinen nach und nach. Der Richter hat "gestaffelt geladen". Aha. Ganz schön schlau.

Verlangsamt wird durch zwei Zeugen, die einen Dolmetscher bestellt haben. Wie unterschiedlich die Sprachkulturen sind. Ich frage: Als Sie das Geräusch hörten, waren Sie mit Ihrem Wagen vor, neben oder hinter dem Mercedes? Der Zeuge erzählt dem Dolmetscher eine lange Geschichte auf Ausländisch, sie hört sich genauso an wie die vielen langen Geschichten, die er vorher auf alle Fragen dem Richter erzählt hat. Meine Frage hat er verstanden, die braucht nicht übersetzt zu werden. Ich darf meine Frage trotzdem wiederholen: Ein Wort, vor, neben, hinter. Selber Roman auf Ausländisch. Der Richter gibt mir zwei Diktatkassetten, ich lasse die Situation nachspielen. Aha. Neben. Manche Richter haben Spielzeugautos auf dem Schreibtisch. Dieser hier hat die Autos im Dienstzimmer vergessen. Macht ja nichts.

Die Klägerzeugen geben alle an, sich untereinander nicht zu kennen, schon gar nicht haben sie den Kläger schon mal gesehen. Ein großer Zufall, sonst bettelt man nach einem Unfall um willige Zeugen, hier sah sich der angebliche Unfallverursacher beim Aussteigen von drei Autos und fünf Zeugen umstellt. Er solle lieber direkt Geld rausrücken, sonst werde man sich das anders besorgen. Sollen sie zum "Beklagten zu 2" gesagt haben. Der hat dann doch lieber die Polizei gerufen.

Die Polizisten beschleunigen den Termin. Die können sich einfach an gar nichts erinnern.

Den üblichen Auslagenvorschuss für die Zeugen musste der Kläger nicht bezahlen: Alle Zeugen haben vorher unterschrieben, dass sie auf Auslagenerstattung verzichten. Das wird manchmal gemacht, zum Beispiel, wenn die Oma benannt wird, die sowieso im Auto mitgebracht wird und nichts zu erstatten hat.

Die Geschichten ähneln sich, sehr genau in dem einen Punkt, auf den es ankommt, überhaupt nicht, was das Drumrum angeht. "Die hielten beide vor der Ampel", "Der eine hielt, der andere fuhr vorbei", "Der Andere machte einen Kavalierstart", "der bog nachher ab", "der fuhr geradeaus weiter" und so weiter. Der Dolmetscher dolmetscht dem Zeugen die Frage, dann dolmetscht er der Richterin die Antwort, die Richterin diktiert das Gedolmetschte, der Dolmetscher dolmetscht dem Zeugen das Diktierte.

Hinter dem Fenster gegenüber findet eine Zahnoperation statt. Ich sehe eine Gummihandschuhhand in einen Mund tauchen. Ich habe nicht gefrühstückt. Meine Zunge schwillt an. Um den Mund laufen Menschen herum, die sehen aus wie Spermien aus einem Woody-Allen-Film.

Ich stelle jedem die selben Fragen: "Wo waren Sie, als der Mercedes gegen den Bordstein gefahren ist?" ("Ich war daneben, ich habe alles genau gesehen") - "Kennen Sie den Fahrer des Mercedes?" ("Nein, woher denn?"), "Woher kennen Sie seinen Vornamen, warum sagen Sie immer "der A."?" ("Der hat sich draußen auf dem Flur mit seinem Vater unterhalten, der nannte ihn immer A."). Der Beklagte sitzt neben mir, er schwitzt, er hat Kopfschmerzen und Magenschmerzen, sagt er, alle paar Minuten beugt er sich herüber: "Darf ich jetzt auch was sagen?" Nein, Sie sind ja kein Zeuge.

Die Spermien gehen in die Mittagspause.
In der Bäckerei gegenüber gibt es belegte Brötchen - Mohnbrötchen mit Krautsalat und irgendeinem Ersatz - Roggenbrötchen mit Fischstäbchen - mehrere Dinge, die mir ganz unbekannt sind. Ich nehme eine Laugenbretzel mit etwas, was wie Tomatekäseüberbacken aussieht. Es hat einen seltsamen Namen. Leossulik oder Marbirops oder Drüpzofall.

Es ist formgepresstes Rührei, merke ich auf der Rückfahrt. Ich denke an den Gummihandschuh.

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