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Samstag, 18. März 2006

Abbitte

für "furchtbar", Herr Kempowski war ganz reizend, ich lach ja auch beim Lesen ziemlich viel, und wie er liest, will er auch, dass man lacht, aber zugleich den Eindruck erwecken, dass ER das überhaupt nicht komisch findet. Dass man also über IHN und seine leicht verschobene (nicht: verschrobene oder doch nur ein bisschen verschrobene) Sicht lacht, nicht über erfundene Pointen. Denn aus seiner Sicht ist das alles völlig richtig.

kempowski11

Er trug übrigens einen grauen Anzug, lichtschluckend grau, grauer geht' s nicht, aus einem Stoff, der Tuch genannt werden möchte, darunter einen ebenfalls grauen Pullunder und Socken, grau in grau in Rauten, es muss in Rotenburg/Wümme einen Herrenschneider geben (wo lassen Sie arbeiten, Herr K.?) oder vielleicht ein Textilgeschäft, das in den 50er Jahren einige Schock Altmänneranzüge zuviel geordert hatte. Bei Peek und Cloppenburg findet man so etwas jedenfalls nicht.

Ich hielt die Signierstunde ein wenig auf, hinter mir eine Schlange durch die ganze Reise-, Koch- und Sportabteilung, wir hatten von unseren Plätzen Zugriff auf die Memoiren von Max Schmeling und einen Bildband über die Huberbuam, ein Huberbua, mit der Spitze des kleinen Fingers an einem Überhang hängend ohne Seil, die Bergsportabteilung viel zu klein, ich hätte in der Zeit bis zum Beginn der Lesung gerne etwas in "Sicherheit in Fels und Eis" gelesen, herausgegeben von der Schweizerischen Bergwacht, war aber nicht dabei. Oups, Abschwiff. Aber was fang ich auch mit dem Ende an.

Ich war die Zweitjüngste im Raum, darüber zehn Jahre gar nichts, dann der Mann und - auf etwa gleicher Höhe - die beiden Optikerburschen, bei denen ich der Zwei alle drei Monate neue Brillengläser machen lasse, dann wieder lange gar nichts und dann die vielen, die das Kriegsende noch persönlich erlebt haben. Unterhalb eine junge Frau in der ersten Reihe, höchstens zwanzig, die einen "Student"-Spiralblock auf den Knien hatte (Referat?) und nach der Lesung eine von zwei Fragen stellte. Die erste kam von einem Herrn aus Flensburg, der wissen wollte, ob Herr Kempowski die Passage über Flensburg auch in Flensburg lesen würde. Das Lied aus dem Gesangbuch sang Kempowski noch, "sehen Sie, das kennen Sie nicht mehr, deshalb muss ich das alles aufschreiben."

Zurück zum Schluss. Ich hielt die Signierstunde ein wenig auf mit meinen Geschenken. Anders als früher sah er beim Signieren eigentlich nicht auf, früher plauderte er gerne mit den Leuten, was er reinschreiben solle, dies und das, außer, sie kamen mit Taschenbuchausgaben. An Susanne erinnerte er sich natürlich, die habe ihm neulich noch geschrieben. Ob er die Fotos behalten dürfe. Er hatte es nicht eilig, vielleicht würde er nach 30, 40 Unterschriften aufstehen, so wie er es nach zwei Fragen getan hatte. Zuerst stand er aber auf, um mir zum Abschied die Hand zu geben, und die Leute in der verzweigten Schlange hinter mir schauten noch geduldig.

Aus dem Archiv: "Kempowski, Walter, betrügt mich mit Susanne"

Eigentlich müsste es heißen: Susanne betrügt mich mit Kempowski. Wenn Susanne einmal prominent wird, werde ich den Titel zu ihren Gunsten ändern.

Susanne und ich waren 14 Jahre alt und in einer Klasse. Bücher und Bach waren unsere gemeinsamen Themen. Pferde und Küssen dagegen interessierte sie nicht.
Nach einer Lesung des von uns verehrten Walter Kempowski stellten wir uns am Signiertisch an, erhielten hübsche Widmungen in unsere Taschenbücher; die Frage, ob wir alt genug für seine Literaturseminare seien, beantwortete er positiv: Er würde sich freuen und uns zu seiner Rechten und Linken setzen, damit wir zustimmend nicken oder bedenklich die Köpfchen wiegen könnten, wenn jemand etwas Kluges oder Dummes sagt. Seine Adresse laute Kreienhoop Nartum, wir mögen ihm schreiben.

Es entspann sich ein keuscher Briefwechsel, und Anfang Januar 1983 fuhren wir für fünf Tage zum Seminar nach Nartum, von der Schule beurlaubt. Den 55 Teilnehmern stand Kempowskis Haus von morgens bis abends offen. Schreibende Hausfrauen. Germanistikstudenten. Pensionäre. Künstlerinnen. Journalisten. Mittags lungerten wir im Haus herum, das Essen im Gasthaus war nicht vom Taschengeld gedeckt. Wir saßen auf Kempowskis Teppich und lasen Kempowskis Bücher – die ihm gehörenden, nicht die von ihm geschriebenen, denn die kannten wir fast auswendig. Einmal störte ich den Hausherrn mit Beethoven beim Mittagsschlaf. Ich bekam einen Rüffel, der sich nicht nur auf den Zeitpunkt, sondern auch auf die Qualität meines Klavierspiels bezog. Das fühlt sich noch heute peinlich an. Am Abend rehabilitierte ich mich mit meiner Kenntnis aller Strophen von „Der Mond ist aufgegangen“. Als ich einmal auf einer Treppenstufe sitzend meinem Tagebuch allerlei pubertäre Redundanzen anvertraute, unterwies mich Herr Kempowski im rechten Tagebuchschreiben: Was habe ich geträumt, was habe ich im Fernsehen gesehen, was habe ich gelesen, gegessen...

Mit Susanne traf ich mich bis zum Abitur bei Goethe, Thomas Mann und Uwe Johnson, wir blieben uns in Gefühlsdingen fern. Ich fuhr 1985 noch einmal mit einem Freund zu Kempowski nach Nartum, spielte am bunten Abschiedsabend zur Zufriedenheit Debussy und verliebte mich vergeblich in seine Tochter Renate.

Das alles war sehr lang her, „Schöne Aussicht“ hatte ich nicht mehr zuende gelesen, mich über „Hundstage“ ein wenig geärgert, Susanne nach 1990 nur noch zu ihrer Hochzeit gesehen und Renate nach meinem 17. Geburtstag gar nicht mehr.

1997 kaufte ich aus Nostalgie Kempowskis „Sirius“, Untertitel: „Eine Art Tagebuch“, spielt im Jahr 1983. T für Traum, TV für Fernsehen, Lit für das Gelesene. Ich war schon auf Seite 20 beleidigt: „...deutsche Volkslieder kennen sie nicht“, schreibt er da über die „resche Jugend“ des Januar-Seminars. Und der Mond? Romantik. Trotzdem.

30. November 1983 „Am Nachmittag war ich dann in Bonn bei meinem kleinen Sternchen“, lese ich auf Seite 583.. „Susanne hat sich schon ganz furchtbar gefreut. Kaffee und Kuchen“.

Scheiße.
Das hat sie mir nicht gesagt.
Das hätte sie mir doch sagen müssen.
Wir waren doch Freundinnen.
Maile ihr noch einmal. „Sirius gelesen. Gewundert.“
Und dann nicht mehr.
(geschrieben im Mai 2004 für das Paparazzi-Forum)

Heute abend Kempowski hören.

kempowski2

Heute abend gehe ich zur einer Lesung. Nein, keine Bloglesung. Walter Kempowski liest irgendwas, und ich weiß schon, dass es furchtbar wird. Furchtbar und prima. Denn ich habe ihn gestern morgen auf der Fahrt nach Gummersbach im Radio gehört.

Im Januar 1983 war ich mit Freundin Susanne bei einem Literaturseminar bei Kempowski in Nartum, mit 14. Die Schule gab uns einen Tag frei, und schon über Kennenlernen bei Lesung-Anmeldung zum Seminar usw. hatte sich ein kleiner Briefwechsel mit Herrn Kempowski ergeben. Siehe unten.

Furchtbar wird es, weil Kempowski sich schon im Radio sehr gebrechlich anhörte. Schon immer ein dünnes Stimmchen, eigentlich ungeeignet für Lesungen. Andererseits bin ich immer dankbar für möglichst neutrales, meinetwegen auch leieriges Vorlesen, das ist dann eher wie selberlesen, der Rest passiert im Kopf. Habe da schon große Enttäuschungen erlebt, wenn ich bei überbetontem, theatralischen Vorlesen plötzlich das Gefühl bekam, ich hätte den Text beim Vorher-Lesen völlig falsch verstanden. Für mich also auch keine Hörbücher. Ausnahme: Thomas Bernhard. Das kriege ich im Kopf nicht so gut hin wie Thomas Holtzmann. "Holzfällen" ist ja eher Musik, ich lasse es häppchenweise in meine normale Shuffle-Hitparade einfließen.

Nach "Heimat" wird er natürlich gefragt im Radio. Darum geht es ja auch in diesem neuen Tagebuch, "Hamit". Warum es nicht einfach Heimat heißt. Das ginge ja nun nicht mehr seit Reitz, "Heimat eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht... Nein, das ist vorbei." Und erklärt dem Moderator, den er wohl für etwas doof hält: "ROSTOCK. Das ist meine Heimatstadt. Rostock. In Meecklenburg." Falls das jemand noch nicht wusste.

Ob er seine Gefühlslage beschreiben könne im Jahr 1990, politische Veränderungen, Ende der DDR usw.
Kempowski: "Von Idioten umstellt." Und dass man "italienische Operetten" gespielt habe am 3. Oktober, statt "Nun danket alle Gott" zu singen.

Und zum Schluss die Frage, wo er seine innere Heimat suche. Antwort: "Beim lieben Gott wohl". Moderator: Äh, das verstehe ich jetzt nicht ganz, können Sie mir das erklären? (Was gibt es da zu erklären?) Kempowski nun schon ziemlich gereizt: "Wo findet die Seele die Heimat die Ruhe", müssen Sie mal gehen, sich ein Gesangbuch kaufen, nich, da finden Sie das!"

Ich werde ihm ein paar Fotos von 1983 mitbringen und eine Aufnahme von "Der Mond ist aufgegangen" im Satz von Reger.
kempowski1

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