Es schneit und ist schon dunkel, als wir nach Prüm kommen, immer schön feucht wischen mit den abgenudelten Wischblättern. Der spanische Laster überholt mich, als die Überholspur endet, kurz vor der Brücke. Er hupt, weil ich langsamer geworden bin. Auf der Brücke eine Schicht, glatt? So lange ich geradeaus fahre, ist es nicht herauszufinden, und etwas anderes möchte ich nicht probieren.
Die Basilika ist eingerüstet, wir kamen immer von der anderen Seite über die "Schneifel" in die Stadt, die Bundesstraße 265, da sahen wir die Basilika erst, wenn wir davor standen. Balthasar Neumann. Wenn ich mit dem Opa da war, gingen wir eine Kerze anzünden, bevor es zur Fußpflege ging, zur Sparkasse, zur Apotheke. Die Fußpflegerin arbeitete im Hinterzimmer der Drogerie. Ein Eckhaus mit 60er gerundetem Eingang, zwei gekachelte Säulen. Ich erkenne das Haus sofort. Die gekachelten Säulen sind noch da, durchs Fenster kann ich später die Tür zum Hinterzimmer sehen. Keine Fußpflege mehr. In einer Schüssel wusch die Frau dem Opa die schwieligen grindigen Füße, hobelte, knipste und feilte. Wenn es mir (wohl sieben- oder achtjährig) langweilig wurde, schaute ich mir die Regale in der Drogerie an. Scholl Fußpuder, blaue Nivea-Dosen, Melkfett - nein, keine Erinnerung daran, aber so war es. Der Weg in die Stadt musste gut geplant werden, der Bus fuhr zwei Mal am Tag. Abends zurück ging es mit Tant Regina aus Ollem, die hatte in Prüm ein kleines Wäschegeschäft. Dort warteten wir zwischen Schachteln und Pulloverstapeln, bis sie den Laden schloss.
Ein Kino gibt es noch an der selben Stelle. Ich fahre daran vorbei auf dem Weg zum "Kongresszentrum". Hier sah ich mit acht "Die Brücke am Kwai". Die großen Vettern und Kusinen waren schon dort, meine Eltern schickten uns einfach rein, wir sollten nicht immer mit ins schäbige Krankenhaus, in dem zwei Jahre lang meine Oma am Krebs starb. Dann lieber die Brücke am Kwai. Der Marsch war toll, die Melodie kannte ich schon, gab es einen Papagei in dem Film? Alle paar Wochen Kino am Samstagnachmittag, da war egal, welcher Film lief, es gab sowieso keine Auswahl.
Das Navigationssystem meint rechts, der Weg ist schmal, steil und verschneit, ich mag das, bleibe im zweiten Gang, die Fahrgäste halten den Mund. Leider ein Fußweg, man müsste oben den Schneehaufen wegschüppen, also wenden, da wird schon kein Graben sein. Kalvarienberg, Konvikt. Im Konvikt war der Vetter interniert, die 20 km von Rotterath zu weit, um jeden Tag zu fahren. Inzwischen fahren wohl mehr Busse, im Konvikt sind jetzt Vereine, Beratungsstellen, Kulturbüro. Von Schwester Immaculata erzählte er, "Imma".
Nach der Abendprobe haben wir einen Raum und ein paar Kästen Bier in der Herberge, aber ich will in einer Wirtschaft sitzen, um mich herum lauter Menschen, die Platt sprechen. Ein kurzer Gang in die Stadt, durch die Kneipenfenster sehen wir zwei, drei Männer, die sich an einem Tisch anschweigen. Nicht genug. Das Schaufenster vom Buchladen wie eh voll mit Kommunionsgeschenken. Gotteslob, Ledermäppchen für das Gesangbuch, in Weiß mit Goldprägung für die Mädchen. Rosenkränze kosten von vier Euro aufwärts. Meiner ist auch noch im Programm, mit hellen Perlen, Reiskörner für die Ave Mariae, runde Perlen für die Vaterunser. Wenn es ihr plötzlich schlechter ging, wurde für meine Oma Rosenkranz angesetzt. An einem Wochentag nach dem Abendessen. Zehn Vaterunser, fünfzig Avemaria, die ersten las ich noch aus dem Buch ab, dann nur noch mitleiern. Linkes Knie, rechtes Knie, Gewicht verlagern. Für die fünf Enkel natürlich Pflicht, auch für die aus der Stadt. Kindgerechter war das Glockenläuten. Der Opa läutete die Glocken morgens mittags abends. Wir ließen uns hochziehen, mehrere Meter - mindestens drei mal ich hoch. Eines Tages wachte er vom Mittagsschlaf nicht wieder auf, da wurde das Geläut elektrifiziert.
Ich spreche kein Platt, aber ich verstehe es noch, anders als mein kleiner Bruder, der erst später dazu kam, als nicht mehr jedes Wochenende und die Ferien "doh" verbracht wurden. Die Kusinen lachten mich aus für mein akkurates "ch" - "dat hejß isch und misch". Meine Mutter hatte sich ein paar Jahre zusammengerissen, als wir sprechen lernten. Einmal besser haben.
Am Sonntag ist zwischen Mittagessen (Regionalküche: staubiger Schweinebraten) und Probe noch eine halbe Stunde Zeit. Es beginnt wieder zu schneien. Ich fahre den Berg hoch Richtung Explosionskrater. 1949 ist hier ein Depot explodiert und hat noch einmal ein Viertel der Stadt vernichtet, steht in dem heimatkundlichen Heft im Herbergszimmer. Weiter auf die Schneifel. Knospisch. Forsthaus Schneifel. Schwarzer Mann. Mooshaus. Eternit. Kleine Fenster. Hainbuchenhecke. Nebel. Ich kenn hier jedes Haus. Nur ist jedes Haus heute viel kleiner. Ich mache RPR an, Rheinland-Pfalz-Radio: "Ziehen Sie Ihre Kinder an und gehen Sie raus, es scheint überall die Sonne". Überall, nur nicht auf der Schneifel. Mobi* begrüßt mein Telefon im belgischen Netz.
Zwischen den Höfen ein paar neue Häuser: Fake Fachwerk - Krüppelwalmdach - Little Southfork. Pendler? Von hier? Wohin sollen die denn pendeln? Eine Zapfsäule. Eine gelbe Telefonzelle. Kein Mensch zu sehen. Fühle mich erwischt, als mir ein Auto entgegen kommt. Fast jeder hier ist mit mir verwandt. Ich sollte zum Kaffee kommen mit der ganzen Familie, nicht nur auf einen heimlichen Blick.
Die Höfe sind klein. Durch die Stalltüren passt knapp eine Kuh. Erinnere mich an Kuhbäuche an Mauern reibend. Wie wir nach Stöcken suchten, langen geraden, um die Kühe zur Weide und zum Stall zu bringen. Später hatte der Onkel den Melkanhänger, da blieben im Hochsommer die Kühe draußen. Da halfen wir, sie ins Gatter zu bringen. Nackter Kinderfuß in Kuhfladen. Das erste Gefühl noch trocken, dann durch die dünne Kruste ins Weiche. Das kann man am Gras abwischen, und bis zu Hause sind die Füße fast wieder sauber. Zu Mittag Brennesselsuppe mit dicken eckigen Waffeln. Zum Nachtisch dicke eckige Waffeln mit Butter und Holundermarmelade.
Jetzt aber dicker Schnee, ob das Pfarrhaus noch steht? Hinterm Pfarrhaus sind wir Schlitten gefahren. "Kutt erin", kommt rein. Mandelgroße Eisklümpchen kletten am Gestrickten. Die Oma legt die nassen Socken auf den Herd, schiebt einen neuen Holzscheit durch die Klappe. Auf der Platte ein Wasserkessel. Durch den Ring kann man ins Feuer sehen. "Kaffee" heißt die Nachmittagsmahlzeit, es gibt Kuchen, Tomatensalat, Käsebrot. Der Opa wirft sieben Zuckerwürfel in seine Tasse und rührt mit dem Messergriff um. Auch die Kinder kriegen Kaffee in ihre Milch.
Steine und struppige Wiesen, es gibt nur Kühe, außer Gras wächst dort nichts. Stacheldrahtzäune. Der Bach, der bald in die Our fließt. Man muss hoch stehen, um weit zu schauen. Bis zur nächsten Nebelbank. Die kleinen Kirchtürme ducken sich in den Dörfern.
Ich war das Stadtkind, die Kusinen fanden komisch, dass ich mir von den Kälbchen die Finger lecken ließ. Täglich um fünf im Stall war, um wieder und wieder zu sehen, wie der Mistschlitten die Rinne hinter den Kühen reinigte. Meiner Oma beim Kälbchenfüttern half. Der Geruch von Milchpulver, ihr Arm rührend im Eimer. Schwarze Fliegen in der Milch, grünschillernde auf den Kuhfladen. Die eigenen Kinder sollten nicht in den Stall, fand die Tante, die sollten es mal besser haben. Wie meine Mutter, die Frollein studierte und einen Mann mit Auto fand.
Am Dorfeingang wende ich. Ich werde zu spät zur Probe kommen.
Den neuen Parkplatz, auf dem der Hof stand, kann ich mir ein andermal anschauen.
sopran - Mo, 6. Mrz, 11:30