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Montag, 27. Februar 2006

Nachholbedarf - Wien nochmal

Meine städtische Oma war eine großzügige Frau, nicht aber eine weiche Oma, wie es meine dörfliche Oma war.
Karneval wollte sie feiern, also uns im Kostüm sehen, sich selber einen Strohhut aufsetzen und Kreppel (die hier Berliner heißen) zum Earl Grey servieren. Nun ja, was man so für Karneval hält, wenn man im bürgerlichen Frankfurt aufgewachsen ist, mit Gesangsunterricht und Sprechchor.

Ein wichtiger Feiertag war der 1. April, und mit der Nachricht, ein Hubschrauber sei in ihrem Garten gelandet (einem mittleren Handtuchgarten, aber was wussten wir Kinder schon von Hubschraubern und deren Größe) telefonierte sie uns herbei - zum Tee mit dem Piloten. Nun ja, ganz gelungen, das eine Jahr.

Ab acht etwa träumte ich von Pferden, ich wusste schon fast alles über die Lipizzaner und die spanische Hofreitschule (Was ist was Pferde), und überhaupt wollte ich so gerne mal nach Wien, Sachertorte (die, wie ich seit gestern weiß, von meiner Oma gebacken fast genauso schmeckte wie aus dem Sacher höchstselbst), Fiakerpferde überall und eben Hofreitschule. Das wurde bekannt so nach und nach, meine Oma kannte Wien natürlich, Mozart, Beethoven, Hofburg, Musikverein und Oper. So war ich begeistert aber arglos, als die Oma anrief an einem Sonntag mit der Nachricht: Wir fahren nach Wien! Schon in der nächsten Woche! Sie habe mit Frau Berg gesprochen, meiner Schuldirektorin, ich bekäme frei für ein paar Tage. Und zäh verhandelt mit dem Direktor der Hofreitschule, dass ich reiten dürfe auf einem weißen Pferd.

Wahnsinn! Ich in Wien! Auf einem Pferd!

white-poneys
April April

War der letzte Aprilscherz meiner Oma. Es hat sie wohl jemand beiseite genommen, der mich bäuchlings auf dem Bett ins Kissen heulend ertappt hatte. Vor ihr hatte ich mir nichts anmerken lassen. Sie entschuldigte sich später, aber ich wartete wohl bis zur Volljährigkeit auf die Einlösung.

Die Drei fand die Pferde übrigens langweilig. Ich hatte sie zur zweistündigen "Morgenarbeit" geschleift. Eine Memme von kaiserlichem Hofhilfsreiter hat sich sogar abwerfen lassen vor allen Leuten. Nach einer Stunde wollte sie raus. Vielleicht hätte ich nicht so oft "guck mal, das kann ich auch" oder "da, jetzt machen sie das Pferd erst jeck, damit es nachher die Beine so affig hochhebt" oder "das Schwierigste ist wahrscheinlich, sie davon abzuhalten, sich gegenseitig zu verkloppen" oder "wie kann der denn runterfallen bei dem bisschen Buckeln".

Karneval nicht verstehen (Brauchtum mal wieder)

ist keine große Sache.
Da gibt es nichts zu verstehen.
Es genügt, einfach mitzumachen oder es sein zu lassen.

"Wat hätt datt dann mit Karneval ze donn?", fragte dem Mann seine Oma, wenn im Fernsehen sowas kam wie "Mainz bleibt Mainz" oder die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst. Denn dem Mann seine Oma war aus Köln, oder wie man hier sagt: Von Köln.

Karneval ist man nämlich "Jeck em Rään", "Knatschverdötsch", "Raderdoll", Männer tragen Frauenkleider, auch in offiziellen Funktionen (Prinzbauerjungfrau) und reiben uniformiert ihre Ärsche aneinander (Stippeföttsche). Und das gibt es "nurnurnur bi oss in Kölle".

Sprich: Karneval ist überall dort nicht ernst zu nehmen, wo sich Männer zu ernst nehmen. Überall also, wo es kein ausschließlich männliches Dreigestirn gibt, sondern dem Depp von Mittelstandserben, der den Prinzen gibt, eine zumindest der Absicht nach hübsche Prinzessin zur Seite steht, die einen nichtswürdigen Namen trägt wie Bonna oder Venetia. Oder wo die Männer in Uniform ihre Ärsche nicht aneinander reiben.

Überall also, außer in Köln. Wo das selbe ländliche Publikum auch zum CSD an der Straße steht und sich über Karneval im Sommer freut. Oder dort, wo der Karneval aus Köln zumindest in die Straßen der Altstadt schwappt. Also in Bonn an der Ecke Heerstraße/Wolfstraße.

So gehet hin, kostümieret euch und grölt unter Tränen diese wunderbaren Lieder, tanzt auf der Straße bis in die Nacht und vergesset nicht den Mindestverzehr, denn ohne ihn dürft ihr nicht aufs Klo und müsst zwischen die Autos strullen.

Was gibt es denn da nicht zu verstehen.

(Ich geh vielleicht nächstes Jahr wieder hin.)

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