Nachholbedarf - Wien nochmal
Meine städtische Oma war eine großzügige Frau, nicht aber eine weiche Oma, wie es meine dörfliche Oma war.Karneval wollte sie feiern, also uns im Kostüm sehen, sich selber einen Strohhut aufsetzen und Kreppel (die hier Berliner heißen) zum Earl Grey servieren. Nun ja, was man so für Karneval hält, wenn man im bürgerlichen Frankfurt aufgewachsen ist, mit Gesangsunterricht und Sprechchor.
Ein wichtiger Feiertag war der 1. April, und mit der Nachricht, ein Hubschrauber sei in ihrem Garten gelandet (einem mittleren Handtuchgarten, aber was wussten wir Kinder schon von Hubschraubern und deren Größe) telefonierte sie uns herbei - zum Tee mit dem Piloten. Nun ja, ganz gelungen, das eine Jahr.
Ab acht etwa träumte ich von Pferden, ich wusste schon fast alles über die Lipizzaner und die spanische Hofreitschule (Was ist was Pferde), und überhaupt wollte ich so gerne mal nach Wien, Sachertorte (die, wie ich seit gestern weiß, von meiner Oma gebacken fast genauso schmeckte wie aus dem Sacher höchstselbst), Fiakerpferde überall und eben Hofreitschule. Das wurde bekannt so nach und nach, meine Oma kannte Wien natürlich, Mozart, Beethoven, Hofburg, Musikverein und Oper. So war ich begeistert aber arglos, als die Oma anrief an einem Sonntag mit der Nachricht: Wir fahren nach Wien! Schon in der nächsten Woche! Sie habe mit Frau Berg gesprochen, meiner Schuldirektorin, ich bekäme frei für ein paar Tage. Und zäh verhandelt mit dem Direktor der Hofreitschule, dass ich reiten dürfe auf einem weißen Pferd.
Wahnsinn! Ich in Wien! Auf einem Pferd!

April April
War der letzte Aprilscherz meiner Oma. Es hat sie wohl jemand beiseite genommen, der mich bäuchlings auf dem Bett ins Kissen heulend ertappt hatte. Vor ihr hatte ich mir nichts anmerken lassen. Sie entschuldigte sich später, aber ich wartete wohl bis zur Volljährigkeit auf die Einlösung.
Die Drei fand die Pferde übrigens langweilig. Ich hatte sie zur zweistündigen "Morgenarbeit" geschleift. Eine Memme von kaiserlichem Hofhilfsreiter hat sich sogar abwerfen lassen vor allen Leuten. Nach einer Stunde wollte sie raus. Vielleicht hätte ich nicht so oft "guck mal, das kann ich auch" oder "da, jetzt machen sie das Pferd erst jeck, damit es nachher die Beine so affig hochhebt" oder "das Schwierigste ist wahrscheinlich, sie davon abzuhalten, sich gegenseitig zu verkloppen" oder "wie kann der denn runterfallen bei dem bisschen Buckeln".
sopran - Mo, 27. Feb, 22:42


