Damenqual
"Von einer echten Dame kaum zu unterscheiden", sagte meine Oma, wenn ich einen Rock anhatte. Das war die abgebrochene Eisbergspitze des großmütterlichen Humors. Der Rest da unten im Wasser blieb mir stets verborgen. Zu meinen Töchtern sag ich das gelegentlich, den ganzen Satz bis zum Punkt. Ob ich eine echte Dame kenne, will die Drei wissen. Die Zwei verdreht die Augen. Damen sind für sie so interessant wie Röcke.Ich überlege kurz und sage dann: "Meine Oma, das war eine richtige Dame." Die Drei schaut wehmütig, die Zwei immerhin neugierig. "Und was war an der Dame?" fragt die Zwei.
"Meine Oma", sage ich, "wäre niemals Fahrrad gefahren. Eine Hose trug sie nur zum Wandern. Sie hatte lila Haare. Und ein extra Silberbesteck nur für Pflaumenkuchen."
Die Flucht aus der Zone mit alter Mutter und drei kleinen Kindern hätte die frische Kriegswitwe nie ohne Konzertflügel und Biedermeierzimmer unternommen. Von der Widerstands-Pension ihres Mannes lebte sie dankbar und großzügig ihr bürgerliches Leben, reiste viel, schneiderte sich Vogue-Kostüme und hatte grob überschlagen 4 Konzert- und Opernabos. Zur Beethovenhalle fuhr sie stets so zeitig, dass sie ihren kanariengelben Kleinwagen vor der Tür parken konnte. Unpassend wäre es gewesen, die 700 Meter von der Wohnung ins Konzert in angemessener Kleidung zu Fuß zurückzulegen. Großmütterliche Warnungen lauteten: "Mädchen sollten nicht rudern, davon bekommen sie breite Schultern" und "sportliche Frauen gebären mühsam". War ja dann auch so. Nach drei Kindern und sechs Enkeln stellte sie kurz vor ihrem Tod an ihrem Urenkel fest: "Der ist ja gar nicht dumm!" Bis dahin hatte sie die alte Lehre vom "dummen Vierteljahr" vertreten, nach der Babys nichts brauchen als zyklische Fütterung, Trockenlegung und blütenweiße Wäsche.
sopran - Mi, 28. Sep, 14:35


