sind um, und aus diesem Anlass machte ich vorhin auf dem Klo ("Thank your for sharing this with us") folgende Feststellungen:
Kein Thema, keine Fäden, weder Rote noch andere.
Kätzchenbilder gepostet (würdelos)
Ich weiß, was rss ist. Über einen Feeder empfange ich Neuigkeiten aus lesenswerten Blogs. Aktuell beglückt mich
Erasmus von Meppen mit den Geschichten aus dem Fachgeschäft,
zum Beispiel. Sein Blog fand ich früh, als ich bei
blogstats nach Kammerchor suchte.
12 bis 15 Besucher pro Tag, von denen die meisten gleich wieder umkehren, weil sie hier keine Hilfe bekommen zu den Themen
Zugenbelag entfernen
Milchstau bei Katzen
Meisenaufzucht
Gesamt in diesem Moment: 1298
Endrunde des Zeit-Preisbloggens (unverständlich aber erfreulich)
Schön:
An meinem Leben nehmen auf diesem Weg Anteil
mein Bruder (Schweiz)
ein ausgewanderter Freund (England)
Ich müsste mal wieder Säge üben.
wird eventuell fortgesetzt
sopran - Sa, 13. Aug, 19:53
Die Anklage ist kurz:
Der Angeklagten Ingeborg R., geboren am 27.9.1926, wird vorgeworfen, am 16. Mai 2000 eine fremde bewegliche Sache sich rechtswidrig zugeeignet zu haben.
Die Angeklagte betrat am Tattag die Geschäftsräume der Firma Woolworth in Bad Godesberg. Dort steckte sie eine Tube Anti-Faltencreme zum Preis von 17 Mark 99 in ihre Tasche und verließ das Geschäft, ohne zu bezahlen.
Frau R. ist allein gekommen, einen Anwalt hat sie nicht.
Die Richterin sagt ihr freundlich, dass sie nichts dazu sagen muss, aber gerne etwas dazu sagen kann. Frau R. sitzt auf der Stuhlkante.*
Frau R.: „Ich weiß nicht, seitdem wir da eingezogen sind, da werde ich nur schikaniert, nur schikaniert. Wir mussten ja wegen der Rente von der Schule weg, da wohnten wir allein in der Hausmeisterwohnung. Und jetzt bin ich hier, und mein Mann hat gesagt, ich versteh das nicht, wir haben doch genug Geld.“
Richterin (beugt sich etwas vor): „Mh?“
Frau R.: „Immer heißt es, ich mach das mit der Wäsche nicht richtig, und dann haben die mein Fahrrad immer umgestellt, immer, immer stand das Fahrrad woanders und wenn das Enkelkind da war. Dann. Ich habe das mehrere Male gemacht. Wir mussten da 5000 Mark Abstand zahlen für die Küche. Das ist so schlimm, keine Kinder und keine Tiere erlaubt, wir hatten immer einen Hund.“
Richterin (lehnt sich zurück): „Und wie war das mit dieser Creme?“
Frau R.: „Wenn ich was genommen habe, vier, fünf Mal ist das passiert, da hat mir eine innere Stimme gesagt Nimm, nimm. Und dann musste ich das nehmen. Jetzt bin ich ja viel ruhiger, ich bleibe im Haus und lese viel. Das passiert jetzt nicht mehr.“
"Das gibt es, Frau R., das habe ich hier schon öfter gehört", sagt die Richterin, „haben Sie schon mal überlegt, zu einem Arzt zu gehen, zu einem Psychotherapeuten?“
Frau R.: "Ich will lieber gar nicht mehr dran denken, jetzt geht es ja. Ich habe mir ja auch immer die Hände blutig gekratzt, und dann sagte mir die innere Stimme nimm, nimm. Und ich hab's genommen.“
Richterin: „Vielleicht gehen Sie besser nicht alleine einkaufen sondern mit ihrem Mann zusammen.“
Frau R.: „Ich habe das gemacht, und ich will auch bezahlen. Da muss ich für gerade stehen. Ich nehme alles an, was Sie hier entscheiden, aber ich will dafür gerade stehen.“
Richterin: „Sind Sie mir einer kleinen Geldbuße einverstanden? Und gehen Sie zum Arzt, dem können Sie dann von allen Ihren Sorgen erzählen. Sie wollen ja nicht in ihrem Alter noch ins Gefängnis gehen.“
Frau R.: "Ich mach das, Frau Richterin, wenn Sie das sagen, dann mach ich das. Und das will ich bezahlen."
Verfahren wird gegen Geldbuße eingestellt.
Wo ich grad sage Stuhlkante, möchte ich darauf hinweisen, dass es in den mir bekannten Gerichten keine Anklagebank gibt. Die Angeklagten sitzen auf gepolsterten Stühlen. Und, liebe Gerichtsberichterstatter, mich stört das nicht, wenn Ihr in Euren Artikeln 24 mal "der Angeklagte" schreibt, statt 16 mal "der Angeklagte" und acht mal "der Mann auf der Anklagebank". Lieber nochmal Wolf Schneider lesen.
sopran - Sa, 13. Aug, 12:53
Beim flickr-Stöbern kam ich auf 911, und vielleicht werde ich im Vorbeigehen auf jeden Porsche spucken, nachdem ich gesehen habe, wie schlecht sich Miezen-Sportwagenfotos zwischen Bildern von brennenden Türmen machen.
Die Slideshow dauert 43 Seiten, ich habe mir nur ein paar angesehen und wollte nicht Menschen an Fenstern vorbeifliegen sehen. Das sind keine besseren oder schlechteren Toten als all die Hunger-, Krebs-, Gewalt-, Unfalltoten, die mich auch nur interessieren, wenn ich ihnen schon mal begegnet war. Das Grauen bleibt abstrakt.
Sehen wollte ich aber die Gesichter der Leute auf der Straße. Private Bilder. Vielleicht die Routine knacken, mit der ich die Nachrichten aus London nur so auf der Tickerleiste vorbeiziehen ließ.
Am 11. September 2001 war ich als Gerichtsberichterstatterin eingesetzt. Ich brachte eine kleine Amtgsgerichtssache mit, schnelle Arbeit. Auf der Fahrt vom Gericht zur Redaktion wurde mir per Mobilanruf noch ein trister Totschlagsprozess (betrunkene Insassen eines Obdachlosenheims) aufs Auge gedrückt, über den ich wegen Trostlosigkeit gar nicht schreiben wollte. Redaktion Vorstadt: "Sie haben doch was für uns, wie viel Platz brauchen Sie". Ich: "Ähm, ich wollte eigentlich gar nicht..." Er: "Verdammt, das Lokalradio berichtet den ganzen Tag darüber, unsere Leser sollen gegenüber anderen Mediennutzern nicht im Nachteil sein".
Ich war also spät dran mit dem Kinderabholen, hatte mir die deprimierende Geschichte mit Hilfe der Pressestelle aus den Fingern saugen müssen. Kurz vor halb vier war ich auf der Reuterbrücke, Blick auf den halbfertigen Post-Tower, machte das Radio an, um die Lokalnachrichten zu hören.
Es kam nur Musik. Keine Werbung. Keine Nachrichten. Erst als ich die Kinder schon im Auto hatte, kamen die ersten Meldungen.
Ein Flugzeug. Unfall?
Ich hatte einkaufen wollen, parkte gerade vor dem Laden ein und fuhr
dann doch direkt nach Hause.
Mein erster Gedanke: Die Scheißtotschlagsgeschichte hätte ich mir sparen können. Dafür ist jetzt kein Platz mehr.
Im Fernsehen hatten sich schon diverse Experten versammelt. Immer wieder wurde gezeigt, wie Rauch aus dem einen Turm kommt, Menschen das Haus verlassen. Pentagon? Camp David? Eben flog das zweite Flugzeug in den anderen Turm. Später erklärte ein Journalist, die rauchenden Türme im Rücken, Ingenieure zitierend, warum die Türme nicht einstürzen könnten.
Gleichzeitig stürzte, für uns, nicht für ihn sichtbar, der erste Turm ein.
Ich rief den zehnjährigen Eins zum Fernseher, Zwei und Drei hatte ich
nach oben geschickt.
Zumindest das war mir noch klar: Ein historischer Moment.
Den ich nicht einordnen wollte.
Ich wollte mir das nicht vorstellen, aber dass Menschen über viele Minuten wussten, dass ihnen niemand mehr helfen kann, dass andere Menschen von diesen Menschen angerufen wurden, diese Vorstellung schlich mir in Träume nach.
Am Abend kam C., die Freundin aus Frankreich, sie war den ganzen Tag unterwegs gewesen, hatte Nachrichten gehört. Wir machten den Fernseher aus, stellten Käse, Salat, Oliven auf den Tisch und sprachen angestrengt über Dinge, über die wir sonst auch gesprochen hätten.
Wie es weiterging:
- Das lang geplante Hort-Jubiläumsfest am 15.9. wurde abgesagt.
- Wegen der Chile-Chorreise hatte ich schon vorher angefangen, den Dollarkurs zu verfolgen. Jetzt fühlte ich mich als Kriegsgewinnlerin.
- Die im Chor angeregte Diskussion, ob wir am 5. Oktober
nach Chile fliegen würden, erstickte im Keim. Es blieb ohnehin niemand deswegen zu Hause.
- Ich las im Reiseführer: Am 11. September 1973 hatte General Pinochet mit Unterstützung der amerikanischen Freunde den Präsidentenpalast Moneda angegriffen und die Macht in Chile an sich gerissen. Der sozialistische Präsident Dr. Salvador Allende starb in der Moneda, durch Mord oder Selbstmord. Die Militärdiktatur endete erst im Jahre 1989.
- Am 5. Oktober kaum gemischte Gefühle am Flughafen Frankfurt, laue Sicherheitskontrollen. Flaue Witzchen über Taschenmesser im Handgepäck.
- In Chile fühlte ich mich am sichersten Ende der Welt, machte Urlaub von Nachrichten und hielt Abstand von Fernsehgeräten, während die US-Truppen in Afghanistan einfielen und Milzbranderreger in Briefumschlägen verschickt wurden.
- Ich kenne niemanden, der jemanden kennt, der am 11. September umgekommen ist.
So.Falls mal einer fragt.
Nachtrag 14. September:
lila hat gefragt. Und selber erzählt.
sopran - Sa, 13. Aug, 11:06