Nächste Woche schaue ich mir den Bachmannwettbewerb an, deshalb gestern:
Julia Schoch, Der Körper des Salamanders.
Bei der Heimfahrt, schob ich den Teekanister unter den Schalensitz, und als die Mädchen das Boot herausnahmen, ließ ich auf das Kommando "Über Kopf hoch!" einfach nichts folgen, so dass nach ein paar Sekunden zusammen mit etlichen Litern schaumigen Flusswassers auch der Kanister aus dem umgedrehten Bug auf die Schultern der Mädchen fiel.
Handelt vom Rudern, riecht nach Rudern, nach Polyestermasse, Holzleim, Mädchenschweiß, Feuchtigkeit. DDR-Sportinternat. Die Steuerfrau, 35 Kilo, erzählt, sie liegt im Bug, das ist besonders und müsste erklärt werden. Die Füße stecken nie so fest in den Schuhen, Ruderboote kippen nicht einfach um, dass die Mädchen mit den Köpfen nach unten im Wasser hängen. Das ist schade, bis dahin
- nicht gelangweilt
- nicht geärgert
- etwas erfahren über eine fremde Welt.
Der zitierte Satz ist zu lang, der eine Kanister aus dem Bug kann ja allenfalls einem der vier Mädchen auf die Schulter gefallen sein. Ich habe es trotzdem gerne gelesen, kann aber nicht unterscheiden, ob es gut geschrieben ist oder mir einfach das Setting gefiel, weil vertraut und/oder plastisch beschrieben.
Im letzten Jahr nervten die vielen Kindergeschichten, Mädchengeschichten, Kindheitsgeschichten. Vielleicht bin ich toleranter, wenn ich nicht vor dem Fernseher sondern im ORF-Theater sitze.
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sopran - Sa, 18. Jun, 17:29
Ach was, ich sag's einfach selber, weil es ja doch kein anderer tun wird: Ich hörte mich im Radio und mochte meine Stimme. Tief, gar nicht sopranig, etwas heiser, das war nach zwei Tagen Proben, vor Erschöpfung ganz entspannt.
Warum sollte auch jemand etwas sagen? Die Anderen kennen meine Stimme ja schon. Anders als ich.
sopran - Sa, 18. Jun, 16:56
Weil ich oft weinen muss, habe ich im Laufe der Jahrzehnte eine Technik entwickelt, es nicht zu auffällig zu tun.
P. lässt die Abschiedslieder im doppelten Tempo singen und gibt kaum Zeit für Tränen. Gott b'hüte Dich, zack feddich, nächstes Lied. Innsbruck, da funktioniert das nicht mehr, auch für ihn selber nicht. Vielleicht rührt mich mehr noch als das Lied P.'s Verlegenheit, die 400? 500? Zuhörer, die stehend applaudieren, glücklich über die Musik, gerührt über - uns wohl. ("Nur wir beide", sagt K. später, "P. und der Chor").
Wer ist eigentlich die süße Frau mit dem Seitenscheitel in der ersten Reihe? Die sieht aus, als könnte es ihr gefallen, mich weinen zu sehen.
P. stellt sich zwischen die Bässe für die erste Zugabe, die wir uns nur anhören, das Lied ohne Worte für Cello und Klavier arrangiert. Wenn ich jetzt nicht aufpasse, mich einmal richtig einflenne, geht gleich kein Ton mehr, also:
0. Vorbereitungen treffen: Wasserfeste Wimperntusche
1. Regel: Laufenlassen.
2. Regel: Augen offen halten, nicht reiben.
3. Regel: Mund nicht verziehen.
4. Regel: Nicht schniefen.
5. Regel: Gleichmäßig atmen.
6. Regel: Einfach trocknen lassen.
Bei der letzten Zugabe, dem 12-Sekunden-Lied "
Puisque tout passe", das endet auf "rapide départ" läuft P. einfach weg, wir hinterher, durch den Saal, an den Leuten vorbei ins Foyer. P. geht noch einmal zurück. Er hat nie einen Applaus für sich beansprucht, immer an uns weitergegeben. Das nimmt er jetzt einfach mal mit, während wir hektisch und mit viel Gesaue Sektflaschen öffnen, Gläser füllen und uns "starker Abgang" zumurmeln vor dem ersten Schluck.
Insgesamt doch ein kleines Glück.
sopran - Sa, 18. Jun, 16:43